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Biografisches Handbuch

Klaus Prautzsch

geboren am 2. Februar 1946 in Bitterfeld-Wolfen OT Holzweißig | erschossen am 13. August 1975 | im bulgarisch-griechisches Grenzgebiet südlich von Dospat
BildunterschriftKlaus Prautzsch
BildquelleArchiv Stefan Appelius
Quelle: Archiv Stefan Appelius
Am 13. August 1975 um 4:30 Uhr starb Klaus Prautzsch gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Brigitte von Kistowski im Kugelhagel bulgarischer Maschinenpistolen. Die Obduzenten stellten an seinem Leichnam 37 Schusstreffer fest.

Klaus Dieter Prautzsch kam am 2. Dezember 1946 als Sohn von Ursula Emmy Prautzsch (geb. Schuster) und ihrem Mann Karl Gerhard Prautzsch zur Welt. Nachdem sich das Ehepaar getrennt hatte, verließ Gerhard Prautzsch die DDR und gründete in Westdeutschland eine neue Familie. Er lebte und arbeitete in Thanheim auf der Schwäbische Alb als Schreiner. Aus seiner zweiten Ehe gingen drei Söhne hervor. Klaus Prautzsch wuchs im Haushalt seiner Mutter und seines Stiefvaters Heribert Bialek in Bitterfeld auf. Er erlernte den Beruf eines Elektrikers und schloss 1973 ein Aufbaustudium in Zwickau als Elektroingenieur ab. Danach zog er nach Leipzig und arbeitete dort im VEB Polygraph Leipzig.

Klaus Prautzsch und sein Vater Gerhard blieben durch einen regen Briefwechsel miteinander verbunden. Gerhard Prautzsch schickte seinem Sohn häufig Pakete mit Kleidungsstücken und Ersatzteilen für elektrische Geräte sowie Geschenken für die weit verzweigte sächsische Verwandtschaft. Klaus Prautzsch brachte diese dann mit seinem Motorrad zu den Angehörigen. Vater und Sohn trafen sich persönlich, wenn Gerhard Prautzsch zur Leipziger Messe in die DDR einreisen konnte. Mit Bewunderung begutachtete Klaus Prautzsch im Herbst 1973 den neuen Audi 80 seines Vaters und stellte Überlegungen darüber an, ob es Möglichkeiten gäbe, dessen alten VW in die DDR zu überführen

Neben gegenseitigen Mitteilungen über familiäre Dinge und die Mühen des Alltags – insbesondere über die jahrelange Wohnungssuche des Sohnes nach der Scheidung – enthält der Briefwechsel vereinzelt auch politische Kommentare. So bedauerte Klaus Prautzsch 1968 die Niederschlagung des Prager Frühlings, worauf sein Vater antwortete, „die können so wenig wie ihr aussteigen. Lass Dir das gesagt sein mein Junge: Du kannst in einer Diktatur nicht gegen die Strömung schwimmen. Ich habe das zur Genüge durchgekostet und da Du sicher auch so eine Ader von mir hast, möchte ich Dir ans Herz legen, halte Dich so gut es geht aus der Politik raus, drum schrieb ich schon, es lohnt sich nicht für so etwas zu sterben.“ Andererseits zeigte der Vater einiges Verständnis für die politischen Ambitionen seines westdeutschen Ältesten. Nachdem dieser sich 1972 in Hechingen als Oberschüler an der Störung einer Wahlkampfveranstaltung des CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß beteiligt hatte, schrieb Vater Prautzsch an seinen Sohn Klaus, „das versucht ihr mal in der DDR“.

Klaus Prautzsch berichtete dem Vater laufend über den Fortgang seines Aufbaustudiums zum Elektroingenieur sowie über die Probleme nach der Scheidung seiner 1966 geschlossenen Ehe. Ihn belasteten insbesondere die damit verbundenen Auseinandersetzungen um Besuchsmöglichkeiten seiner Kinder Anett, Ines und Frank, die er seine „kleinen Mäuse“ nannte.

Große Hoffnungen setzten Vater und Sohn in die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt und mögliche Besuchserleichterungen durch die deutsch-deutschen Verträge. Gerhard Prautzsch schrieb zum Jahresanfang 1972: „Die Verhandlungen sind sehr schleppend, so dass ich auf Deinen Besuch wohl noch etwas länger warten muss, als ich dachte. Aber kommen wird es schon noch, dass wir uns leichter besuchen können. Davon bin ich überzeugt! Aber wann?“ Kurz darauf glaubte er schon, sein Sohn könne im August 1972 zu den Olympischen Spielen nach München kommen und schickte ihm dazu eine formelle Einladung. Am 20. Mai 1972 bedankte sich Klaus Prautzsch mit den Sätzen, „Du weißt sicher wie mich das interessiert, nur mal so hier heraus zu kommen und dann noch nach München.“ Doch sein Versuch Karten beim DDR-Reisebüro zu erhalten sei gescheitert, diese würden nur über die Betriebe verteilt. „Unser Betrieb mit 2.000 Beschäftigten hat eine Karte erhalten, und diese ist schon mit Begründung vergeben worden. Also keine Chance für mich. Aber für Dich müßte es jetzt durch die Ratifizierung der Ostverträge leichter werden, mal zu kommen. Also lade ich Dich ein. Und wenn es geht, bringe doch Deinen ‚Großen‘ mal mit. Er wird sich sicher für unsere, also mal andere Verhältnisse wie bei Euch interessieren. Denn etwas richtig verstehen kann man wahrscheinlich nur aus persönlichen Erfahrungen heraus.“ Bei einem Besuch der Leipziger Frühjahrsmesse lernte Gerhard Prautzsch 1974 auch die neue Lebensgefährtin seines Sohnes Brigitte von Kistowski kennen, die ihm, wie er schrieb, „sehr sympathisch war“. Sie stammte aus Holzweißig bei Bitterfeld und kannte Klaus Prautzsch aus der Jugendzeit. Sie lebte wie er in Scheidung und hatte einen Sohn.

Mit Enttäuschung reagierte Gerhard Prautzsch auf den Rücktritt von Bundeskanzler Willy Brandt – „nun ist mein Willy weg“ – in dessen Ostpolitik er so große Hoffnungen gesetzt hatte. Im September 1974 reiste Klaus Prautzsch, wie er seinem Vater schrieb, mit seinem Motorrad durch Osteuropa. „Über die CSSR nach Ungarn, Rumänien bis Bulgarien an die Schwarzmeerküste. Alles in allem waren es 7.000 km, die ich in den drei Wochen gemacht habe.“ Am liebsten würde er diese Reise im kommenden Jahr wiederholen.

Tatsächlich machte er sich dann ein Jahr später mit Brigitte von Kistowski und seinem Arbeitskollegen Steffen Benkert auf den Weg nach Bulgarien. Nachdem sie von Rumänien über die Grenzübergangsstelle Vidin mit einer Donaufähre nach Bulgarien eingereist waren, fuhren sie zunächst in das Rila-Kloster, einer berühmten und bei Touristen beliebten Sehenswürdigkeit in Südwest-Bulgarien. Hier trennten sich am 26. Juli 1975 ihre Wege. Während Brigitte von Kistowski und Klaus Prautzsch an die südliche Schwarzmeerküste fuhren, holte Steffen Benkert in Varna seine Verlobte ab, die mit dem Flugzeug nach Bulgarien gekommen war.

Brigitte von Kistowski und Klaus Prautzsch blieben fast drei Wochen auf einem Campingplatz an der südlichen Schwarzmeerküste. Warum sie am Ende ihrer Ferien von dort aus nicht direkt in Richtung Rumänien fuhren, ist unklar. Belegt ist nur, dass sie in der Ortschaft Dospat am 12. August 1975 gegen 20 Uhr mit dem Motorrad in eine Personenkontrolle der Bulgarischen Grenztruppen gerieten. Die Ortschaft befindet sich zwar im Sperrgebiet zur griechischen Grenze, ist aber noch etliche Kilometer von der eigentlichen Grenze entfernt. In den bulgarischen Überlieferungen heißt es, das Paar sei mit dem Motorrad vor den Grenzern geflüchtet.

Am 13. August 1975 erreichte das Operative Lagezentrum der MfS-Hauptabteilung VI, zuständig für die Kontrolle des Reiseverkehrs, die Meldung über einen versuchten ungesetzlichen „Grenzübertritt durch zwei Bürger der DDR über die Staatsgrenze VR Bulgarien nach Griechenland mit tödlichem Ausgang“. Gegen 3:30 Uhr seien Brigitte von Kistowski und Klaus Prautzsch aus Leipzig „nach wiederholter Flucht in unmittelbarer Nähe der bulgarisch/griechischen Staatsgrenze erschossen“ worden, nachdem sie versucht hätten, „sich der Festnahme durch Flucht zu entziehen“. Am 14. August 1975 erhielt Hauptreferentin Ursula Gott im DDR-Außenministerium von der DDR-Botschaft in Sofia die telefonische Mitteilung über die beiden Todesfälle an der griechischen Grenze. Die Beisetzung der beiden DDR-Bürger solle in Sofia erfolgen. Am 15. August bestätigte ein Telegramm des bulgarischen Verbindungsoffiziers Georgiew an den Leiter der MfS-Hauptabteilung X (Internationale Verbindungen), Oberst Willi Damm, ebenfalls die beiden Todesfälle. Die Leichen der beiden DDR-Bürger befänden sich im Militärhospital in Sofia. Die dortige DDR-Botschaft sei ebenfalls über den Vorgang informiert. Deren Konsul Kurt Spörl identifizierte an Hand der Personalpapiere noch am selben Tag die Toten und stimmte ohne Benachrichtigung der Verwandten ihrer Beerdigung in Sofia zu. Die DDR-Botschaft übernahm die Kosten der Beisetzung, die am Montag dem 18. August 1975 um 12.00 Uhr auf dem Friedhof „Bakrena Fabrika”, Parzelle 15, Reihe 15, Nr. 17 und 18 erfolgte.

Eine vom bulgarischen Staatssicherheitsdienst am 15. August 1975 verfasste „Auskunft über getötete DDR-Bürger an der griechischen Grenze“, enthält die Darstellung, Brigitte von Kistowski und Klaus Prautzsch seien „am 13.08.1975 morgens um 04,30 Uhr zwischen der 220. und 221. Grenzpyramide entdeckt“ worden. Sie hätten Aufforderungen stehenzubleiben und Warnschüsse ignoriert und bereits die griechische Grenze überquert, als die bulgarischen Grenzer das gezielte Feuer auf eröffneten. Die bulgarische Grenzpatrouille gab insgesamt 140 Schüsse aus ihren Kalaschnikows ab, Klaus Prautzsch wurde, wie das spätere Obduktionsprotokoll festhielt, von 37 und Brigitte von Kistowski von 25 Geschossen getroffen. Die Grenzer hätten die beiden Leichen vom griechischen auf das bulgarische Gebiet zurück geschleift. In dem Bericht des bulgarischen Staatssicherheitsdienstes wird eine Entdeckung der von den eigenen Kräften begangenen Grenzverletzung befürchtet, da Patronenhülsen und die Schuhe von Brigitte von Kistowski auf griechischem Gebiet zurückgeblieben seien.

BildunterschriftBericht an die bulgarische Staatssicherheit vom 15. August 1975 / S. 3 Übersetzung
BildquelleAKRDOPBGDSRSBNA
Abb. 6:

Ebenfalls am 15. August 1975 teilte das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) dem Rat der Stadt Leipzig, Abteilung Innere Angelegenheiten, beide Todesfälle mit und bat, die Angehörigen zu verständigen. In der Mitteilung sind keine Angaben zu den Todesumständen enthalten, es heißt lediglich, sie seien in der Volksrepublik Bulgarien „tödlich verletzt“ worden. Weitere Informationen würden brieflich übermittelt. Da sie von den DDR-Behörden keine Auskunft über die Todesursache ihrer Kinder erhielte, suchten ihre Mütter, Usrula Bialek und Hannelore Kurzweg das bulgarische Konsulat in Ost-Berlin auf. Dort teilte ihnen der Konsul die Todesumstände mit. Am 20. August sprach Hannelore Kurzweg, Brigitte von Kistowskis Mutter, bei Ursula Gott in der Hauptabteilung Konsularische Angelegenheiten des MfAA vor. Laut Gotts Vermerk war sie sehr erregt und bezweifelte, dass ihre Tochter einen Grenzdurchbruch beabsichtigt hätte. Frau Kurzweg bestand auf der baldigen Überführung der Leichen in die DDR. Sie werde sich deswegen an die bulgarische Botschaft wenden. Am folgenden Tag erschien Frau Kurzweg erneut bei Frau Gott im DDR-Außenministerium und teilte mit, der bulgarische Konsul habe ihr versichert, dass eine Überführung des Leichnams ihrer Tochter in die DDR möglich sei. Er werde sich auch selbst in dieser Angelegenheit mit dem DDR-Außenministerium in Verbindung setzen. Wie Ursula Gott in ihrer Gesprächsnotiz festhielt, habe Frau Kurzweg erklärt, ihr Vater sei im KZ gewesen, sie selbst sei ein langjähriges Mitglied der SED und habe ihre Kinder im richtigen Sinne erzogen. Sie werde Mittel und Wege finden, die Wahrheit herauszufinden.

Die Mütter der beiden Todesopfer reisten am 28. August 1975 nach Sofia. Über seine Begegnung mit ihnen verfasste DDR-Konsul Kurt Spörl eine „Niederschrift über die Vorsprache der Mütter der in Sofia beigesetzten DDR-Bürger Klaus-Dieter Prautzsch und Brigitte Hannelore von Kistowski, geb. Kurzweg (Grenzverletzer) am Donnerstag dem 28.08.1975 in der Konsularabteilung der Botschaft“. Frau Bialek und Frau Kurzweg erschienen demnach in Trauerkleidung und äußerten, „nicht eher die VRB zu verlassen bis sie die Genehmigung zur ‚Herausgabe der Särge‘ der Verstorbenen erhalten hätten“. Frau Kurzweg habe unter Verweis auf ihre SED-Mitgliedschaft betont, sie werde sich an die bulgarischen Stellen wenden, wenn sie keine Unterstützung durch die Botschaft der DDR erhalte. „In sachlich ruhiger Art wurden beide Mütter über die Rechtslage informiert und erklärt, warum es nicht in unserer Kompetenz liegt, über eine Exhumierung zu entscheiden und warum sie als Bürger der DDR die bulgarischen Organe nicht direkt ersuchen können.“ Frau Kurzweg verwies daraufhin auf die Zusage des bulgarischen Konsuls in Berlin. „Im Verlauf des Gesprächs äußerten beide Mütter ständig Zweifel an dem Vergehen ihrer Kinder. Diesem mußte in entschiedener Form entgegengetreten werden.“ Spörl versprach ihnen, mit den bulgarischen Stellen zu sprechen. Seine Empfehlung in die DDR zurückzureisen, lehnten die beiden Frauen ab. Ein Besuch der Gräber wurde für Freitag dem 29. August vereinbart. Der Mitarbeiter des bulgarischen Außenministeriums Shelenski hatte der DDR-Botschaft nach Anfrage mitgeteilt, „daß die Exhumierung auf Antrag der Botschaft so schnell wie möglich erfolgen“ könne. Spörl empfahl den Müttern eine Antragstellung bei den zuständigen Organen der DDR. Nach einer dortigen Genehmigung werde die DDR-Botschaft alles Weitere in Sofia regeln.

Auch Steffen Benkert, der damals Klaus Prautzsch und Brigitte von Kistowski auf der Motorradtour nach Bulgarien begleitet hat, bezweifelte im Zeitzeugengespräche mit Stefan Appelius, dass sie in den Westen flüchten wollten: „Ich habe von den beiden nie ein Sterbenswörtchen von Flucht gehört.“ Brigitte von Kistkowski sei weder mit ihrem Leben in der DDR unzufrieden gewesen, noch hätte sie ihren kleinen Sohn zurückgelassen. Etliche Indizien weisen nach den Recherchen von Stefan Appelius darauf hin, dass Brigitte von Kistowski und Klaus Prautzsch einem Verbrechen durch bulgarische Grenzsoldaten zum Opfer fielen und nicht auf der Flucht erschossen wurden. Bulgarische Ermittlungsunterlagen über die Vernehmung der beteiligten Grenzsoldaten konnten jedoch bislang nicht aufgefunden werden.

Nach ihrer Rückkehr aus Bulgarien stellten Hannelore Kurzweg und Ursula Bialek am 12. September 1975 beim des Rates des Kreises Bitterfeld einen Antrag auf Exhumierung und Überführung der Leichen ihrer Kinder, wie es ihnen vom bulgarischen Konsul in Berlin bereits zugesagt worden war. Der Antrag wurde dem DDR-Außenministerium weitergeleitet. Weil man dort unsicher über das weitere Vorgehen war, erfolgte eine telefonische Anfrage bei der zuständigen Hauptabteilung X/9 des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Da Abteilungsleiter Oberstleutnant Peter Pfütze jedoch nicht erreicht werden konnte, vertröstete dessen Mitarbeiter, MfS-Hauptmann Walter Langhans das MfAA mit der Bemerkung, „die Sache muß abgesichert werden“. Er werde das im MfS beraten und dann Bescheid geben. Am 23. September 1975 teilte Hauptmann Langhans dem MfAA telefonisch mit, Abteilungsleiter Oberstleutnant Pfütze habe keine grundsätzlichen Einwände. „Es wäre günstig den Zeitpunkt der Beisetzung richtig zu wählen, z.B. Donnerstag- oder Sonntagvormittag.“ Die Überführung müsse ohne großes Aufsehen erfolgen. Mit den Angehörigen sei „eine Aussprache“ zu führen, um sie zu bitten, die Beisetzung in einem normalen Rahmen durchzuführen“. Langhans bat weiterhin um eine rechtzeitige Mitteilung des Beisetzungstermins, damit die MfS-Kreisdienststelle Bitterfeld die nötigen Vorbereitungen treffen könne.

Am 26. September 1975 riefen Frau Kurzweg und Frau Bialek erneut im DDR-Außenministerium an und beschwerten sich über die hinhaltende Prozedur. „In Sofia wäre ihnen eine schnelle Erledigung versprochen worden.” Vier Tage später erschienen die beiden Mütter persönlich in der Hauptabteilung Konsularwesen des MfAA und bestanden auf einer verbindlichen Auskunft, wann endlich mit der Überführung zu rechnen sei. Ursula Gott notierte: „Frau Kurzweg tritt sehr provokatorisch auf.“ Nach Rücksprache mit dem ebenfalls beteiligten DDR-Innenministerium wurde ihnen erklärt, sie könnten frühestens am 1. Oktober gegen 10:00 Uhr mit einer Entscheidung über den eingereichten Antrag rechnen. Der Rat des Kreises Bitterfeld werde dann unverzüglich informiert und die Botschaft gegebenenfalls beauftragt, einen Antrag auf Exhumierung und Überführung bei den zuständigen bulgarischen Organen zu stellen. Frau Kurzweg habe gefragt, „ob denn das MfS darüber entscheidet? Es wurde ausdrücklich betont, daß das ihre Ansicht ist, derartige Äußerungen kann sie nicht beweisen und sollte sie besser unterlassen.“

Doch im Hintergrund war die Entscheidung bereits gefallen. Am 1. Oktober 1975 erhielt der Rat des Kreises Bitterfeld die Mitteilung des DDR-Außenministeriums: „Klärung der Angelegenheit ist erfolgt. Heute wurde Mitteilung an Botschaft Sofia gegeben, bei den bulgarischen Organen Exhumierung zu beantragen.“ Sobald der Termin feststehe werde der Rat des Kreises Bitterfeld informiert, jedoch noch „nicht die Angehörigen“ bevor ein staatliches Bestattungsinstitut beauftragt sei. Am 27. Oktober 1975 rief Hannelore Kurzweg abermals bei Ursula Gott im MfAA an und drohte damit, sie werde sich am Montag dem 3. November mit Eingaben persönlich an Erich Honecker, Willi Stoph und Außenminister Oskar Fischer wenden und auch erneut nach Sofia fahren. Sie werde dort „schon erreichen, was uns bisher nicht gelungen ist“. Hauptreferentin Gott bat Frau Kurzweg noch diese Woche abzuwarten und forderte bei Konsul Spörl in Sofia dringend die zur Leichenüberführung erforderlichen Sterbeurkunden an. Noch am selben Tag übersandte Spörl aus Sofia beide Sterbeurkunden, die er offenbar einfach in seinem Büro liegen gelassen hatte. Als Todesursache ist darin für Klaus Prautzsch eine Zerreißung des Herzens aufgeführt.

Unterdessen wies MfS-Oberstleutnant Peter Pfütze die Kreisdienststelle Bitterfeld an, mit dem Rat des Kreises Verbindung aufzunehmen, um etwas Ruhe in die Angelegenheit zu bringen und ein beschwichtigendes Gespräch mit Frau Kurzweg zu führen. Verwandte von Klaus Prautzsch erinnern sich, dass seine Mutter Ursula Bialek und ihr Ehemann Heribert von den örtlichen Vertretern der Staatsmacht massiv eingeschüchtert wurden. Am 3. November 1975 rief Konsul Spörl aus Sofia bei Ursula Gott im MfAA an und teilte ihr mit: „Die Genehmigung zur Exhumierung vom MfS erhalten. Die Vorbereitungen laufen.“ Er werde nochmals anrufen um den Termin der Exhumierung den Termin der Überführung. Die sterblichen Überreste Brigitte von Kistowskis wurden in einem Zinksarg am 10. November 1975 nach Ost-Berlin geflogen und am folgenden Tag auch der Leichnam von Klaus Prautzsch. Die Kostenrechnung für die Exhumierung wurde den beiden Müttern Ursula Bialek und Hannelore Kurzweg zugesandt. Sie beliefen sich nach Gewicht berechnet für Klaus Prautzsch auf 606,52 Lewa (ca. 2.490 DDR-Mark), für Brigitte von Kistowski auf 599,92 Lewa (ca. 2.460 DDR-Mark). Brigitte von Kistowski und Klaus Prautzsch fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Holzweißig.

Am 2. August 1976 teilte der Mitarbeiter des bulgarischen Außenministeriums Kowatschew DDR-Konsul Kurt Spörl mit, der II. Sekretär der westdeutschen Botschaft Haas, habe sich mit ihm über die „deutsche Staatsangehörigkeit“ unterhalten wollen und andeutungsweise, vermutlich auf Betreiben von westdeutschen Verwandten, die Todesfälle Prautzsch und von Kistowski erwähnt. Kowatschew versicherte Spörl, er habe das Ansinnen zurückgewiesen und betont, er kenne nur eine Staatsangehörigkeit der BRD und eine der DDR.


Biografie von Klaus Prautzsch, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/420-klaus-prautzsch/, Letzter Zugriff: 02.02.2023