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Biografisches Handbuch

Manfred Schorlies

geboren am 11. November 1942 in Königsberg (heute: Kaliningrad, Russland) | ertrunken am 31. Mai 1962 | Ort des Vorfalls: Elbe bei Vierkrug, Boizenburg/Elbe (Mecklenburg-Vorpommern)
Weil er gebildet und redegewandt war, wurde Manfred Schorlies in die FDJ-Leitung der Grenzkompanie Vierkrug gewählt. Am 31. Mai 1962 ertrank der 19-Jährige bei einem Fluchtversuch in der Elbe.

„Was würdest du tun, wenn ich abhaue“, fragte Manfred Schorlies einen Kameraden aus der Kompanie Vierkrug während des Postendienstes, worauf dieser antwortete, „ich würde von der Schußwaffe Gebrauch machen“. Der Soldat hielt die Frage für einen Scherz und meldete die Unterredung nicht den Diensthabenden. Manfred Schorlies gehörte nämlich zur FDJ-Leitung in der Kompanie Vierkrug. Er galt bei seinen Vorgesetzten als so zuverlässig, dass sie ihn mehrfach für eine Offizierslaufbahn zu gewinnen versuchten. In dienstlichen Beurteilungen wird er als gebildet und redegewandt charakterisiert. Er gehörte seit dem 9. November 1961 der NVA, Kommando Grenze, an und diente seit Dezember 1961 im Grenzbataillon Wittenburg.

Nach der Flucht aus Ostpreußen lebte Manfred Schorlies bei seiner Mutter, die als Krankenschwester arbeitete. Sein Vater, ein Arbeiter, wird in den vorliegenden Überlieferungen nicht erwähnt. Er ist vermutlich im Krieg gefallen. Manfred Schorlies schloss die Schule nach der Mittleren Reife ab und erlernte in der VEB Mathias-Thesen-Werft Wismar den Beruf eines Lichtbogenschweißers. Zwei seiner Onkel und Tanten wohnten in Gelsenkirchen und Hamburg. Dorthin kam er als 13-Jähriger für drei Wochen zu Besuch.

Am 31. März 1962 nahm Manfred Schorlies in der Kaserne des Bataillons an einer Besprechung der FDJ-Sekretäre teil, von der er am Nachmittag zu seiner Einheit nach Vierkrug zurückkehrte. Auf der Stube gab er seinen Kameraden eine Flasche Schnaps aus. Danach klagte er über Kopfschmerzen und bat den Soldaten N. darum, mit ihm etwas Luft schnappen zu gehen. Die beiden begaben sich zum Elbufer. Auf dem Weg sprach N. über die FDJ-Sekretärsbesprechung und berichtete, man habe ihn dort aufgefordert, der SED beizutreten. Er äußerte, dass man sich das gut überlegen müsse. Schorlies fragte dann N., ob die Boote des Zolls und des Wasserschutzes auch nachts fahren würden, was dieser bejahte. Dann gingen sie in Richtung Kaserne zurück. Dort spielten sie mit anderen Soldaten Fußball und begaben sich, als es dämmerte, zurück auf ihre Stube. Mit den Zimmerkameraden spielten sie anschließend Skat, wobei sie weiter Schnaps tranken. Gegen 22 Uhr verließ der 19-jährige Schorlies dann die Stube. Am nächsten Morgen stellte der diensthabende Unteroffizier fest, dass Schorlies fehlte. Die Suche in der Umgebung blieb zunächst erfolglos, erst am Nachmittag fand der Stabschef des Bataillons am Elbufer die Dienstjacke, ein Paar Turnschuhe und ein Taschentuch von Manfred Schorlies.

Die wegen der Desertion eingeschalteten MfS-Ermittler vermuteten, die Westverwandtschaft in Gelsenkirchen habe Schorlies zur Flucht ermuntert, zumal ein Kamerad aussagte, Schorlies rechne mit einer Erbschaft im Westen. Ein Geheiminformant „Christa“ des MfS hatte zuvor schon berichtet, Schorlies habe mit anderen Soldaten westliche Sender gehört. Außerdem meinte das MfS, die Versuche, ihn zum Offiziersdienst zu überreden, hätten die „Absicht des Schorlies fahnenflüchtig zu werden beschleunigt“.

Nach der Fahnenflucht erfolgte in der Kaserne eine Alkoholkontrolle. Es wurden in den Spinden der Soldaten 120 Flaschen mit Alkohol gefunden, 100 leere Flaschen fand man in der Abfallgrube. Die Grenzkompanie Vierkrug war nach Auffassung des MfS nicht genügend abgesichert. In einem MfS-Untersuchungsbericht ist sogar von einem „Brachliegen des IM-Netzes“ die Rede, da dort nur ein Offizier und zwei Soldaten inoffiziell für die Stasi arbeiteten. Zudem sei der Kompaniechef unfähig, gegen ihn habe es bereits ein Parteiverfahren gegeben.

Beamte des Bundesgrenzschutzes und der Wasserschutzpolizei bargen am 31. Mai 1962 die Leiche von Manfred Schorlies in Höhe Lauenburg – Hohnstorf aus der Elbe. Der Tote wurde am 5. Juni 1962 von einem westdeutschen Beerdigungsinstitut in die DDR überführt. Erst am 28. Juni 1962 hob das Volkspolizeikreisamt Wismar die Fahndung nach Manfred Schorlies auf und teilte der Grenztruppe per Fernschreiben mit, „daß Schorlies als Wasserleiche geborgen wurde“.


Biografie von Manfred Schorlies, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/102-manfred-schorlies/, Letzter Zugriff: 02.03.2024