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Biografisches Handbuch

Folker Centner

geboren am 28. Januar 1933 in Spremberg | Selbsttötung während eines Fluchtversuchs am 23. Juli 1957 | Ort des Vorfalls: südlich des Bahnhofs Gutenfürst (Sachsen)
Der Offiziersschüler Folker Centner verließ in der Nacht vom 22. zum 23. Juli 1957 seine Dienststelle und begab sich zur sächsisch-bayerischen Grenze. Vermutlich weil er davon ausging, dass sein Fluchtvorhaben scheitern würde, nahm er sich das Leben.

Der in Spremberg geborene Albert-Clemens Günther Folker Centner hatte bereits einige Ortswechsel und Veränderungen in seinem Leben erfahren, bevor er sich mit 24 Jahren 1957 freiwillig zum Dienst in der Nationalen Volksarmee verpflichtete. Die fünfköpfige Familie Centner war von Spremberg aus in den Großraum Dresden gezogen. Nach der Trennung der Eltern blieb Folker Centner bei der Mutter in Zaschendorf (Ortsteil von Schönfeld-Weißig). Bevor er 1957 eine militärische Laufbahn als Offiziersschüler an der Infanterieschule Plauen begann, arbeitete er in einem Jugendwerkhof im thüringischen Römhild als Lehrausbilder.

Am 22. Juli 1957 hatte Folker Centner in der Infanterieschule bis 23 Uhr Dienst. Anschließend verließ er, mit einer Armeepistole bewaffnet, das Gelände und begab sich auf direktem Weg in das 20 Kilometer entfernte Gutenfürst an der Grenze zu Bayern. Dort kam er gegen 4 Uhr morgens an. Der Bahnhof Gutenfürst war ein Kontrollpassierpunkt der Grenzpolizei. Wahrscheinlich wollte er im Sperrgebiet nicht als Armeeangehöriger auffallen und brach auf der Suche nach Zivilkleidung in ein Haus südlich des Bahnhofs ein. Wie groß muss seine Bestürzung gewesen sein, als er feststellte, dass dessen Bewohner ebenfalls ein Grenzpolizist war. In der Garderobe hing die Uniform des Grenzpolizei-Gefreiten F., der zum Kommando Stöckigt gehörte. Zudem klingelte in diesem Moment der Wecker von Frau F., die in der Frühe nach Plauen aufbrechen wollte. Der Schreck und die Furcht, entdeckt und verhaftet zu werden, versetzten Folker Centner derart in Panik, dass er seine Waffe gegen sich selbst richtete und den Abzug betätigte. Frau F. eilte nach dem Schuss in die Küche und fand gegen 4.45 Uhr den Toten auf dem Fußboden liegend vor.

Doch vielleicht war die Geschichte noch verwickelter. Die Überlieferungen der DDR-Grenzpolizei enthalten einen ungeklärten Hinweis. Als Frau F. mit ihrem Sohn anschließend das Haus verließ, um den Kontrollpassierpunkt zu verständigen, habe der Sohn eine Person weglaufen sehen. Tatsächlich konnte ein Spürhund der Grenzpolizei eine Spur bis zum Zehn-Meter-Kontrollstreifen an der Grenze verfolgen. Von wem die Spur stammte, ob Folker Centner nicht allein in die Bundesrepublik flüchten wollte und einen Helfer hatte, blieb ungeklärt. Die Grenzbereitschaft Plauen jedenfalls vermutete, es habe sich um einen „Abwerber“ aus dem Westen gehandelt.


Biografie von Folker Centner, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/82-folker-centner/, Letzter Zugriff: 22.07.2024