Logo

Suche im Biographischem Handbuch

Biografisches Handbuch

Wilhelm Specht

geboren am 25. Juni 1915 in Haspe | erschossen am 8. Juli 1948 | bei Jáchymov (Karlovarský kraj)
Der 33-jährige Kriegsgefangene Wilhelm Specht versuchte aus einem Kriegsgefangenenlager an der tschechischen Grenze zu flüchten. Gut eine Stunde nachdem er das Lager in Richtung Grenze zur SBZ verlassen hatte, wurde er von den Wachen erschossen.

Wilhelm Friedrich Specht wurde am 25. Juni 1915 in Haspe geboren. Sein Vater war der Schmied Alfred Friedrich Heinrich Specht, seine Mutter hieß mit Geburtsnamen Maria Franziska Zajonc. Er erlernte den Beruf eines Uhrmachers, war unverheiratet und lebte, bevor er zur Wehrmacht eingezogen wurde, auf dem Gelände einer stillgelegten Sprengstofffabrik in Rummenohl (Hagen). Im Zweiten Weltkrieg wurde Wilhelm Specht Stabsgefreiter des Grenadier-Regiments 410. Gegen Ende des Krieges geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Er kam in das tschechoslo-wakische Kriegsgefangenenlager Jáchymov (St. Joachimsthal) an der Grenze zu Sachsen. Dieses stand unter sowjetischer Verwaltung, die Kriegsgefangenen wurden im Uranbergbau für das Atomprojekt der Sowjetunion eingesetzt.

Die Uranbergwerke Jáchymov unterhielten ihre zentralen Werkstätten auf dem Gelände einer ehemaligen Tabakfabrik, die in der Nähe des Uranbergwerkes Bratrství (Bruderschaft) lag. Dort trat Wilhelm Specht am 8. Juli 1948 um 18.00 Uhr mit vier weiteren deutschen Kriegsgefangenen die Nachtschicht an. Die Gefangenen reparierten Fahrzeuge innerhalb des umzäunten Areals in und vor der Autowerkstatt. Dabei wurden sie von dem SNB-Wachtmeister Zdeněk Zíka bewacht, der außerdem das offene Haupttor des Areals zu kontrollieren hatte. Zíka erlaubte Specht ca. um 18.45 auf die Toilette zu gehen. Als der Wachtmeister sich daraufhin dem Haupttor zuwandte, nutzte Specht die Gelegenheit, lief das Werkstattgebäude entlang, überwand einen Anbau mit einer Leiter und nutzte zur Flucht das ca. 200 Meter entfernte provisorische Tor auf der nördlichen Seite des Areals, das nachts nicht bewacht wurde.
Nachdem Specht mehr als 8 Minuten fort war und ein Zivilarbeiter ihn nicht finden konnte, verständigte Zíka den Leiter der Wache Otakar Bezdíček, der mit vier weiteren Angehörigen des Korps für Nationale Sicherheit (SNB) das ganze Areal der Tabakfabrik durchsuchte. Bereits während dieser Suche wurden die Leitungen der SNB-Posten in der Nähe informiert und eine Fahndungsaktion ge-startet.

Zwei SNB-Posten aus Jáchymov besetzten zusammen mit 35 Mann den Bereich nördlich der Stadt, um den Weg zur Staatsgrenze abzuriegeln. Weitere 18 SNB-Angehörige durchsuchten die Umgebung des Lagers. Fluchten aus dem Lager sollten rigoros verhindert werden, da sie das Risiko bar-gen, dass Uranproben oder Pläne über Rüstungsprojekte außer Landes gebracht würden. Um 19.45 Uhr bezog der SNB-Wachtmeister Jaroslav Kolář auf dem Kamm nordwestlich des Jägerhauses „Bouřňák“ seinen Posten, um den unbewaldeten Bereich nördlich von Jáchymov zu beobachten. Wenig später fiel ihm in einer Entfernung von ca. 250 Meter ein Mann in der blaugrauen Kleidung der Kriegsgefangenen auf. Auch Specht bemerkte den Soldaten und versuchte sich im Gebüsch zu verstecken. Als sich der Wachtmeister bis auf ca. 150 Meter genähert hatte, sprang Specht auf und flüchtete. Kolář alarmierte die für den benachbarten Bereich zuständige Wache durch zwei Signalschüsse. Daraufhin eilten die beiden Wachtmeister Václav Krůta und Janošík Hruška herbei und übernahm die Verfolgung Spechts. Als Krůta den Flüchtenden um etwa 19.55 Uhr sichtete, rief er ihm in tschechischer und deutscher Sprache zu stehenzubleiben. Dann schoss er aus ca. 200 Meter Entfernung mit seinem Gewehr viermal gezielt auf den Flüchtenden. Hruška feuerte auf Befehl ebenfalls zweimal. Wilhelm Specht fiel, in den Kopf und den Hals getroffen, zu Boden und war bereits tot, als die Wachtmeister ihn erreichten. Krůta schickte Hruška zum nächsten SNB-Posten in Jáchymov-Zátiší, während er selbst beim Leichnam verblieb.

Um ca. 20.30 Uhr traf die Gerichtskommission des Bezirksgerichts Jáchymov zur Leichenschau ein. Specht wurde demnach von vier Schüssen, und zwar im Bauchbereich, am Hals, am Kopf und an der rechten Hand getroffen. Der Tod trat durch Verbluten nach der Verletzung der Schlagader und durch die Zerstörung von Teilen des Gehirns sofort ein. Specht hatte einen Messschieber, zwei Notizbücher, dessen Inhalt als wertlos eingeschätzt wurde, und 25 Kčs bei sich. Der Tote wurde daraufhin in das Leichenhaus nach Jáchymov gebracht und vermutlich auf dem dortigen Friedhof beerdigt, was jedoch nicht urkundlich belegt ist.

Die Militärstaatsanwaltschaft Plzeň (Pilsen) beurteilte den Schusswaffengebrauch der Wachtmeis-ter Krůta und Hruška als rechtmäßig. Da Specht bereits am 4. Mai 1948 versucht habe zu fliehen, indem er sich in einer Toilette versteckte, sei seine Gefährlichkeit erwiesen. SNB-Leiter Kapitän An-tonín Chleboun erstattete deshalb eine Strafanzeige wegen Pflichtverletzung im Wachtdienst gegen Zdeněk Zíka, der für die Flucht Spechts verantwortlich gemacht wurde. Der Wachtmeister wies in seiner Vernehmung die Anschuldigung zurück und gab an, die mangelhafte Umzäunung des Areals habe die Flucht ermöglicht. Die militärische Kreisprokuratur in Plzeň (Pilsen) verurteilte Zíka am 29. September 1948 zu einer Arreststrafe von einer Woche, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Im Jahr 2003 befasste sich das Tschechische Amt für die Dokumentation und Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus mit der Tötung Wilhelm Spechts. Die Ermittlungen wurden eingestellt, da der Waffengebrauch durch die SNB-Angehörigen im Einklang mit den damals gültigen Gesetzen stand und kein Verdacht auf eine Straftat vorlag.


Biografie von Wilhelm Specht, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/485-wilhelm-specht/, Letzter Zugriff: 17.06.2024