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Biografisches Handbuch

Georg Nusser

geboren am 14.03.1924 in Geiselhöring | am 3.10.1963 nach Beschuss durch tschechoslowakische Jagdflieger mit einem Sportflugzeug abgestürzt | bei Nové Sedliště
Der Flugschüler Georg Nusser flog irrtümlich mit einer Cessna von Bayern kommend in den tschechoslowakischen Luftraum. Als er versuchte umzukehren, nahm ihn ein tschechoslowakischer Jagdflieger unter Beschuss.

Am 03. Oktober 1963 startete der 39-jährige Mühlenbesitzer Georg Nusser mit einer zweisitzigen Cessna 150 vom Sportflugplatz Bruck in der Oberpfalz zu einem Höhenflug. Der Familienvater aus Geiselhöring hatte bisher 30 Flugstunden hinter sich und wollte nun einen Übungsflug absolvieren, den er zur bevorstehenden Abschlussprüfung für seinen Motorflugschein brauchte. Laut einem Bericht der St. Vither Zeitung habe 20 Minuten nach dem Start die Bodenstation Funkverbindung zu ihm aufgenommen, „wobei der Pilot erklärte, er habe sich völlig verfranzt und wisse nicht, wo er sich befinde. Die Funkverbindung brach dann, nachdem er mitgeteilt hatte, daß ein Düsenjäger ihn unter Beschuß nehme, ab.“

Nach Angaben der tschechoslowakischen Luftabwehr hatte die Maschine um 16.36 Uhr die Staatsgrenze in einer Höhe von ca. 2000 Metern von den Grenzwachen unbemerkt überflogen. Nachdem das Flugabwehrsystem den Einflug registriert hatte, startete ein Jagdflieger (MIG-19S) von dem Flughafen Líně, um das unbekannte Flugzeug zu verfolgen. Gleichzeitig starteten auch zwei Jagdflieger aus České Budějovice (MIG 15) und Žatec (MIG 19 PM), um den Einflug in Richtung Süden bzw. Norden zu versperren. Um 16.53 Uhr entdeckte der Pilot des MIG-19S, Jan Foks, die Cessna in einer Höhe von 800 Metern, die im Bereich Bohuslav – Labuť – Újezd pod Přimdou – Nové Sedliště kreiste. Foks feuerte vier Leuchtraketen und mehrere Warnschüsse ab, um das fremde Flugzeug zu zwingen, ihm zu folgen. Die Cessna bog jedoch in Richtung Grenze ab – Nusser war über Funk von seinem Startflugplatz Bruck angewiesen worden, einen südwestlichen Kurs einzuschlagen. Oberstleutnant Marušák von der Flugabwehr befahl daraufhin um 16.56 Uhr die Vernichtung des in den tschechoslowakischen Luftraum eingedrungenen Flugzeugs. Von Maschinenkanonen beschossen stürzte Nusser eine Minute später etwa zwei Kilometer südwestlich der Gemeinde Nové Sedliště beim Hegerhaus Boček ab.

Um 18.00 Uhr desselben Tages wurde vor Ort die Untersuchung eingeleitet. Im Umfeld des Hegerhauses wurden Wrackteile des zerstörten Flugzeugs entdeckt. Der vordere Teil des Flugzeugrumpfes mit dem Motor hatte sich in den Boden gebohrt, der hintere Teil war vollständig abgerissen worden. Die Oberfläche war mit kleinen Splittern bedeckt. Während der rechte Flügel zwar deformiert, aber ganz blieb, war der linke Flügel in zwei Teile zerbrochen, wobei der Endbogen des Flügels mit dem roten Positionslicht 25 Meter davon entfernt lag. In der Kabine wurde Nussers Leiche gefunden. In der linken Hand hielt der Tote noch das Mikrofon des Funksprechgerätes. Das Tachometer zeigte eine Geschwindigkeit 240 km/h an. Bei dem Piloten wurde kein Ausweis, jedoch in der rechten Hosentasche ein Brief mit der Adresse Nussers gefunden. Des Weiteren fand man eine beschädigte Landkarte des Dreiländerecks Bayern – Sachsen – Böhmen, auf der die Flugtrassen gekennzeichnet waren. Auf dem Flugzeug selbst befand sich die Inschrift: Eigentümer G. Schöneck, Halter Aeroclub, Bruck. Die Überreste des Flugzeugs wurden zum Militärposten Vysočany bei Tachov (Tachau) transportiert. Die Ermittler interessierten sich für die genaue Flugroute und dafür, ob unterwegs etwas aus dem Flugzeug geworfen worden war. Schließlich wurde die Leiche zur Obduktion ins Krankenhaus nach Pilsen gebracht. Am Abend des 5. Oktober 1963 übergaben zwei tschechoslowakische Offiziere am Grenzübergang Rozvadov/Waidhaus die Leiche Nussers, ohne Totenschein oder Leichenpass, der Bayerischen Grenzpolizei.

Da die Bundesrepublik Deutschland und die Tschechoslowakei noch keine diplomatischen Beziehungen unterhielten, vermittelte die US-Botschaft in Prag den offiziellen Schriftverkehr zu dem Zwischenfall. Auf diesem Wege protestierte die tschechoslowakische Regierung am 6. Oktober gegen die Verletzung ihres Luftraumes in zwei Fällen. Die St. Vither Zeitung berichtete aus dem Prager Kommuniqué, das am nächsten Tag dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik übergeben wurde: Am 26. September sei ein Flugzeug eingeflogen, das die tschechische Seite nach „Typ und Flugart“ als „Spionageflug“ identifizierte. „Das Flugzeug, das am 3. Oktober den tschechoslowakischen Luftraum verletzt habe, sei eine Maschine des gleichen Typs gewesen und habe die gleichen Ziele angeflogen. Nach mehrmaliger Aufforderung zur Landung sei ein Warnschuß auf das Flugzeug abgegeben worden. Daraufhin habe die Maschine abgedreht und in Richtung Bundesrepublik entkommen wollen. Bei dem Versuch, sie zur Landung zu zwingen, sei die Maschine abgestürzt und der Pilot ums Leben gekommen.“ Die Bundesregierung wies die Behauptung, es handelte sich um Spionageflüge „als unsinnig“ zurück und protestierte ihrerseits „gegen den Einsatz tschechoslowakischer Militärmaschinen gegen ein verirrtes Sportflugzeug“.

Ob auf das Flugzeug, in dem Georg Nusser saß, mit Leuchtspurmunition oder scharf geschossen wurde, konnte auf westdeutscher Seite zunächst nicht ermittelt werden. Die Nachobduktion auf deutscher Seite erbrachte keinen Hinweis auf einen Beschuss. Der Landshuter Gerichtsarzt Dr. Dahse und der Oberregierungsmedizinalrat Dr. Thoma konnten keine Schussverletzungen am Körper Nussers feststellen. Die Leiche wies dagegen Verletzungen auf, die für einen Absturz aus größerer Höhe sprechen. Dem Anliegen des Luftfahrtbundesamtes an den Ermittlungen zum Absturz des Schulflugzeugs beteiligt zu werden, hatte die tschechoslowakische Regierung am 7. Oktober 1963 eine Absage erteilt. Der Absturz sei keine zivile Angelegenheit und werde vom Staatssicherheitsdienst untersucht. Am 24. Oktober 1963 meldete dpa dann, der tschechoslowakische Major Cerny habe gegenüber bayerischen Grenzpolizisten geäußert, Nusser sei von tschechoslowakischen Düsenjägern abgeschossen worden. In einem Bericht des Präsidiums der Bayerischen Grenzpolizei vom 22. November 1963 wurde das bestätigt.

Am 10. Oktober nahm die Regensburger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen die Flugleitung des Sportflugplatzes Bruck in der Oberpfalz auf. Da der Flugplatz innerhalb der „Air Defense Identification Zone“ lag, in der zu Schulungszwecken nur Flüge in einer Höhe von maximal 150 Metern über dem Flugplatz zulässig waren, habe der Flugleiter Dallabetta, der Nusser zum dem Höhenflug animiert hatte, diese Vorschrift verletzt. Die Flugleitung verwies hingegen darauf, dass Nusser gemäß der genehmigten Flugroute eigentlich westlich und südwestlich von Bruck fliegen sollte, woran er sich nicht gehalten habe.

Die Leiche Georg Nussers wurde am Vormittag des 10. Oktober 1963 auf dem Friedhof in Geiselhöring unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt. Er hinterließ seine Frau und vier Kinder. Die Familie Nusser hatte zum Dank für die Heimkehr ihres Sohnes Georg aus dem 2. Weltkrieg an einem Waldstück im Stadtteil Greißing eine Marienkapelle errichten lassen. Nach seinem Tod brachte Nussers Freund Karl Rosner zu Weihnachten 1963 an der „Nusserkapelle“ eine Tafel mit der Inschrift an: „Zum Gedenken an meinen Freund Gorki Nusser. Er hatte sich am 3. Oktober 1963 im Grenzgebiet des Böhmerwaldes bei einem Übungsflug über die Tschechoslowakei verirrt und wurde von tschechischen Düsenjägern abgeschossen. Er war ein guter Mensch und treuer Freund.“

Anlässlich des 50. Todestages von Georg Nusser wurde am 3. Oktober 2013 an der Stelle des abgestürzten Flugzeuges bei Nové Sedliště von örtlichen Teilnehmern des Suchspiels Geocaching ein Denkmal enthüllt. Es stellt das von Einschüssen durchlöcherte Frackteil eines Flugzeugs dar und trägt die Inschrift „Cessna 19 vs. MIG 19 / 3.10.1963“. Die Trümmer von Nussers Flugzeugs wurden zuerst in Vysočany gelagert, wo sie später hingelangten ist unbekannt.


Biografie von Georg Nusser, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/481-georg-nusser/, Letzter Zugriff: 02.02.2023