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Biografisches Handbuch

Diethelm Hanslick

geboren am 28. August 1946 in Neustrelitz | vermutlich zwischen dem 24. und dem 26. August 1973 in der Ostsee ertrunken | Ort des Vorfalls: Ostsee (vor Rügen)
BildunterschriftDiethelm Hanslick
BildquelleBArch, DO 1/92998.
Quelle: BArch, DO 1/92998.
Der aus Neustrelitz stammende Arbeiter Diethelm Hanslick versuchte Ende August 1973, kurz vor seinem 27. Geburtstag, mit seinem Freund Martin Rohde die DDR auf dem Seeweg mittels eines Faltbootes in Richtung Schweden zu verlassen. Beide kamen bei dem Fluchtversuch ums Leben. Rohdes Leiche wurde kurze Zeit später aus der Ostsee geborgen, Hanslicks Leiche tauchte erst am 2. August 1974 im Schleppnetz eines Fischkutters auf.

Diethelm Armin Hanslick kam am 28. August 1946 im städtischen Krankenhaus Carolinenstift in Neustrelitz zur Welt. Seine Eltern hatten 1940 in Danzig geheiratet und höchstwahrscheinlich in Folge des Zweiten Weltkriegs einen neuen Lebensmittelpunkt westlich der Oder suchen müssen. Zwei Jahre nach Diethelm wurde seine Schwester geboren. Die Familie lebte in Neustrelitz in der damaligen Chausseestraße.

Die Jugendzeit Hanslicks verlief sehr wechselhaft und wurde durch viele tiefgreifende Einschnitte geprägt. Er besuchte nur ein Jahr die Grundschule und kam dann 1954 auf eine Hilfsschule, aus der er mit dem Abschluss der 8. Klasse im Jahr 1961 entlassen wurde. Im Anschluss begannen langjährige Aufenthalte in Heimen, die bis in den Jugendwerkhof führten. Die Hintergründe für die Einweisung in die erste Einrichtung – das Spezialkinderheim „Ernst Thälmann“ im sächsischen Brauna – im August 1961 sind nicht bekannt. In Spezialheime wurden Kinder und Jugendliche eingewiesen, die als „schwer erziehbar“ galten und beispielsweise durch Disziplinlosigkeiten, kriminelles Verhalten oder sonstiges „Fehlverhalten“ auffielen und die innerhalb der Spezialheime zu sozialistischen Persönlichkeiten umerzogen werden sollten. Nicht immer entschieden die Organe der Jugendhilfe im Ministerium für Volksbildung über die Anordnung einer Heimerziehung; es gab auch Fälle, in denen Eltern „freiwillige Erziehungsverträge“ mit der Jugendhilfe abschlossen und ihre Kinder eigenständig in Heimen unterbrachten. Auf einer Karteikarte zu Diethelm Hanslick aus dem Jugendwerkhof wurde vermerkt, dass die Eltern weiter als Vormund galten, jedoch Erziehungshilfe von der Jugendhilfe „laut Vertrag“ erhielten. Es könnte also durchaus sein, dass die Eltern von Diethelm Hanslick einen solchen Vertrag schlossen und die Einweisung 1961 veranlassten.

Nach der Station in Braunau folgten fünf weitere Heime, bevor Hanslick im Juli 1963 in den Jugendwerkhof „Rudolf Breitscheid“ Eckartsberga im Kreis Naumburg gebracht wurde. Anfang des Jahres 1964 wurde er dann wiederum in eine Außenstelle des Jugendwerkhofs verlegt und nach deren Auflösung ins thüringische Gößnitz gebracht. Im Oktober 1964 – nun volljährig – kam Diethelm zurück zu seinen Eltern nach Neustrelitz.

Hier lebte er dann bis 1973, war ledig und als Arbeiter in einer LPG tätig. Diese Vermerke finden sich in der Todesanzeige zu Diethelm Hanslick von 1974. Aus Protokollen und Lagefilmen der Volkspolizei geht zudem hervor, dass Hanslick beim Rat des Kreises Neustrelitz einen Ausreiseantrag gestellt hatte und vorbestraft war.

Seit Freitag, dem 24. August 1973, waren er und Martin Rohde, der ebenfalls in Neustrelitz lebte und dort in einer Eisengießerei beschäftigt war, unbekannten Aufenthalts. Woher sich Hanslick und Rohde kannten, ist nicht klar. Der gebürtige Rüganer Martin Rohde war fünf Jahre jünger als Diethelm Hanslick und ebenfalls vorbestraft. Die Insel Rügen wird wohl auch der Startpunkt für die Flucht der beiden gewesen sein. Im Bestand des Ministeriums des Innern findet sich in einem Protokoll des Volkspolizeikreisamts (VPKA) Neustrelitz vom 3. Oktober 1973 der Hinweis, dass beide ohne staatliche Erlaubnis auf dem Seeweg mittels Paddelboot nach Schweden gelangen wollten. Das Boot hatte Hanslick laut Ermittlungsergebnissen von einem Arbeitskollegen gekauft.

Am 26. August 1973 wurde gegen 16 Uhr ein Faltboot kieloben treibend durch das Fährschiff „Rügen“, das täglich zwischen Sassnitz und Trelleborg verkehrte, aufgebracht. Mit Sicherheit war es das Fluchtboot der beiden Männer, die vermutlich aus der Gegend um Sassnitz abgelandet waren. Zwei Tage später, am 28. August, dem Geburtstag von Diethelm Hanslick, wurde die Leiche von Martin Rohde nordöstlich der Halbinsel Jasmund von einem Fischkutter aufgenommen und anschließend nach Sassnitz gebracht. Von Diethelm Hanslick fehlte jede Spur. Das VPKA Neustrelitz ging jedoch im Oktober 1973 davon aus, dass er ebenfalls ertrunken sei.

Erst am 2. August 1974 gab es auch über seinen tragischen Tod Gewissheit, denn die Leiche von Diethelm Hanslick wurde knapp ein Jahr nach seinem Fluchtversuch von der Besatzung eines Fischkutters der FPG Wieck/Greifswald beim Fischen im Schleppnetz geborgen. Die Fundstelle in der Ostsee auf Höhe Stubbenkammer war nahezu identisch mit der von Martin Rohdes Leiche. Das Schleppnetz der Fischer hatte Hanslicks auf den Meeresgrund abgesunkene Leiche vermutlich nach der langen Zeit an die Oberfläche geholt. Die Obduktion erfolgte am 5. August 1974 in Greifswald am Institut für Rechtsmedizin. Sein Personalausweis war noch immer bei der Leiche und auch Stoffreste eines langärmeligen Pullovers, eines dunkelroten Hemdes, einer dunkelblauen Hose und einer Badehose waren noch zu erkennen. Die Todesursache ließ sich nach einem Jahr nicht mehr ermitteln – es wurde aber festgestellt, dass unter Berücksichtigung der Auffindesituation und der Vorgeschichte der Tod durch Ertrinken sehr wahrscheinlich war.


Biografie von Diethelm Hanslick, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/478-diethelm-hanslick/, Letzter Zugriff: 05.02.2023