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Biografisches Handbuch

Ulrich Henke

geboren am 11. März 1943 in Berlin-Charlottenburg | gestorben vermutlich zwischen dem 22. September und 24. September 1967 | Ort des Vorfalls: Ostsee
Ulrich Henke, ein junger Flugsicherheitsassistent, der unglücklich mit seiner beruflichen Zukunft in der DDR war, unternahm gemeinsam mit Edith Morack einen Fluchtversuch mit einem Faltboot. Sie starteten vermutlich zwischen dem 22. und 24. September 1967 vom Darß. Der Fluchtversuch endete tödlich.

Ulrich Werner Henke wurde am 11.März 1943 in Berlin-Charlottenburg geboren. Seine Eltern Charlotte Henke, geborene Halbmeyer, und Werner Henke heirateten nach dem Kriegsende im September des Jahres 1945.

Ulrich war ein junger Mann, der in einer Wohnung in seiner Geburtsstadt Berlin wohnte und eine Freundin hatte. Nach einer Ausbildung zum Elektro-Apparatebauer war er als Flugsicherheitsassistent am Zentralflughafen Schönefeld tätig. Zuletzt lebte er an seinem Zweitwohnsitz in Barth und wurde hier am Flughafen in der Flugsicherung eingesetzt. Sein Wunsch war der berufliche Aufstieg zum Fliegenden Personal, wo ihn die Aussicht auf Flugreisen ins Ausland lockte.

Ulrich Henkes Eltern erfuhren in der Nacht vom 27. auf den 28. September, dass ihr Sohn zur Fahndung ausgeschrieben sei, als die Volkspolizei sich bei Ihnen nach dem Verbleib ihres Sohnes erkundigte. Sie berichteten, dass sie ihren Sohn zuletzt am 8. September 1967 gesehen hätten. An diesem Tag habe Ulrich seine Eltern in Berlin besucht und sie hätten gemeinsam sein Zimmer hergerichtet. Er habe den Eindruck gemacht, dass er sich freuen würde, wieder zu Hause zu sein.

Am 20. September habe die Eltern ein Paket mit persönlichen Gegenständen und einem Geburtstagsgruß von Ulrich erreicht. Inhalt war ein Teil seiner Sachen, die er an seinem Zweitwohnsitz in Barth bei sich hatte. Darunter war ein Jackett, in dem sich zwei Kaufverträge über ein Motorrad vom Typ Jawa befanden, welches er am 30. Juni 1967 von einer namentlich nicht bekannten Person erworben haben soll.

Einige Tage nach dem Bekanntwerden des Verschwindens von Ulrich Henke kontaktierte sein Vater dessen Arbeitsstelle, die Interflug GmbH, um an mehr Informationen zum Aufenthaltsstatus seines Sohnes zu gelangen. Ihm wurde mitgeteilt, dass sein Sohn seit dem 22. September nicht mehr zur Arbeit erschienen sei. Auch auf ein Telegramm vom 23. September, welches durch den Flughafenleiter von Barth an ihn gesendet worden sei, hätte Ulrich Henke nicht mehr geantwortet. Nach den Recherchen im Arbeitsumfeld seines Sohnes kontaktierte Werner Henke seine Schwiegertochter, die Ehefrau seines zweiten Sohnes, welche ihm mitteilte, dass Ulrich seit dem 22. September nicht mehr gesehen worden sei. Sie berichtete ihm, dass er mit einem Faltboot auf die Ostsee hinausgefahren sein soll, da man Sachen von ihm am Strand gefunden habe. Auch Edith Morack, eine Bekannte der Familie, sei seit diesem Zeitpunkt vermisst. Diese Indizien ließen Werner Henke schlussfolgern, dass sein Sohn und die Bekannte Edith Morack gemeinsam einen Fluchtversuch über die Ostsee unternommen haben müssen.

Zur Aufklärung des versuchten Grenzübertritts wurde Ulrichs Vater Anfang Oktober 1967 durch das Ministerium für Staatssicherheit vernommen. Werner Henke war als Diplom-Ökonom tätig, ein angesehenes SED-Mitglied und wurde von seinen Parteigenoss*innen als „politisch zuverlässig“ eingestuft. Auf die Fragen der Beamten antwortete er, dass er in der Vergangenheit bei seinem Sohn keine Anzeichen wahrgenommen hätte, die auf den Wunsch, die DDR zu verlassen, hingedeutet hätten. Generell sei sein Sohn mit den politischen Entwicklungen in der DDR einverstanden gewesen, jedoch habe er teilweise etwas oppositionelles Verhalten gezeigt, beispielsweise, indem er gerne Beatmusik gehört habe oder sich seiner Meinung nach teilweise unbedacht geäußert hätte. Diese unterschiedlichen politischen Ansichten hätten in der Familie zu Auseinandersetzungen geführt, welche jedoch hauptsächlich im sachlichen Tone stattgefunden hätten, wie Werner Henke betonte. Parteitreu wie Ulrichs Vater war, habe er auch Genossen von den in seinen Augen negativen politischen Einstellungen seines Sohnes berichtet.

Ulrichs Mutter Charlotte Henke verbrachte ihren Sommerurlaub vom 13. bis zum 28. August 1967 in Prerow. Da Ulrich Henke am Flughafen Barth nah an dem Kurort stationiert war, besuchte er seine Mutter. Ihr gegenüber offenbarte er seinen Unmut über seinen Vater mit folgenden Worten: „Naja, mit dem fliegenden Personal ist es jetzt auch vorbei. Wie ich in meiner Kaderakte gesehen habe, hat Vati bei der Interflug angegeben, daß ich so verrückt auf den Westen bin.“ Diese Äußerung offenbart, wie die politische Einstellung des Vaters und die Sehnsüchte und Zukunftswünsche des Sohnes kollidierten und schlussendlich zueinander in Konflikt standen. Während des Verhörs mit dem Ministerium für Staatssicherheit kommentierte Werner Henke diese Äußerung seines Sohnes damit, dass er den Standpunkt vertreten habe, dass sein Sohn für einen Auslandseinsatz politisch noch nicht reif genug gewesen sei und seine beruflichen Kenntnisse erstmal innerhalb eines Fachgebietes vertiefen solle. Er schlussfolgerte, dass der Vermerk in der Kaderakte und die damit schwindende Chance auf die Möglichkeit, beruflich aufzusteigen und Auslandsreisen unternehmen zu können, für Ulrich dazu geführt haben müssen, dass er den Entschluss fasste, die DDR zu verlassen und seinen Traum in Westdeutschland zu verwirklichen. Ulrichs Eltern verurteilten gegenüber dem MfS die Handlungen ihres Sohnes.

Die Vorbereitungen zur Flucht vollzog Ulrich Henke jedoch nicht allein, sondern mit Edith Morack, einer jungen Kindergärtnerin. Sie war mit einem Hamburger Seemann verlobt. Es war ihr großer Wunsch, nach Westdeutschland zu gelangen, um endlich mit ihrem Partner zusammenleben und ihn heiraten zu können. Bisher hatte sich die gemeinsame Zeit des Paares auf kurze Treffen in Berlin und einen gemeinsamen Jahresurlaub im Ostseebad Prerow beschränkt. So hielten sich die beiden Verliebten auch im Jahr 1967 seit Ende August in Prerow auf und trafen hier vermutlich auf Ulrich Henke, der seine Verwandten in Prerow besuchte. Möglicherweise tauschte sich das Dreiergespann hier über die Möglichkeiten zum Verlassen der DDR aus und schmiedete einen gemeinsamen Fluchtplan. Welche Beziehung das Paar und Ulrich Henke zueinander hatten und ob sie sich schon vor dem Urlaub kannten, kann nicht rekonstruiert werden.

Edith Moracks Verlobter soll am 20. September 1967, dem vorletzten Tag ihres gemeinsamen Sommerurlaubs, noch in Prerow gewesen sein und plante seine Lebensgefährtin einen Tag später, am 21. September, zur Bahn zu bringen. Aufgrund dieser Tatsachen entstand nach Zeugenaussagen der Verdacht, dass er bei den Fluchtvorbereitungen involviert gewesen sein muss. Auch Ulrich Henke wurde an diesem Tag, einem Donnerstag, das letzte Mal lebend gesehen. Vermutlich nur wenige Zeit nach dem Abschied von Moracks Verlobten, unternahmen sie und Ulrich Henke zwischen dem 22. und 24. September, den Versuch, die DDR mit einem Faltboot vom Darß aus zu verlassen.

Am 24. September 1967 wurde durch einen Forstarbeiter in einem Waldstück in Prerow in der Nähe des Strandes eine Grube von drei Metern Länge und vierzig Zentimetern Tiefe entdeckt, die offensichtlich als Versteck für das Faltboot gedient hatte. Weiterhin befanden sich in der Grube ein Faltbootsack, eine Damensilastik-Hose und ein Schein mit einer Gebrauchsanweisung für Schwimmwesten, auf dem Henkes Name vermerkt war. Neben den persönlichen Gegenständen wurden mehrere Pinsel und eine angebrochene Flasche mit schwarzer Nitrofarbe gefunden.

Am selben Tag wurde durch einen Fischkutter ein Zwei-Personen-Faltboot etwa eine Seemeile nördlich vom Dornbusch, der nördliche Spitze der Insel Hiddensee, entdeckt, dessen vordere Hälfte mit schwarzer Nitrofarbe überpinselt war. Im Boot, welches nicht gekentert war, befanden sich eine Spritzdecke und zwei Schwimmbeutel. Das Faltboot wurde der Grenzbrigade Küste übergeben und nach Ermittlungen Edith Morack und Ulrich Henke zugeordnet.

Die Leiche der 24-jährigen Edith Morack wurde am 25. September 1967 am Weststrand der Insel Hiddensee zwischen Vitte und Neuendorf aufgefunden. Nach ihrem Tod suchte ihr Verlobter den Kontakt zur Familie Henke.

Anfang Oktober, genauer am 4. Oktober 1967, wurde gegen 13.30 Uhr vom finnischen Fährschiff „Finnpartner“ eine Wasserleiche in der Ostsee gesichtet, geborgen und der Lübecker Kriminalpolizei übergeben. Diese wurde später als Ulrich Henke identifiziert.

Am 5. Oktober 1967, dem Tag, an dem durch die Lübecker Polizei das Auffinden des Leichnams an die Dienststellen der DDR übermittelt wurde, traf ein Telegramm von Ediths Verlobtem aus Hamburg bei Familie Henke ein, welches den folgenden Text beinhaltete: „Zu dem mir unfaßbaren Tod meiner lieben Edith und meines Freundes Ulli sendet Ihnen in tiefer Trauer […]“. In einem zweiten Telegramm, welches einen Tag später bei der Familie Henke eintraf, bot er ihnen Hilfe bei der Überführung der Leiche des Sohnes an. Zudem wurde am 9. Oktober 1967 bekannt, dass Ediths Verlobter im Vorfeld Kontakt zum Rechtsanwalt Dr. Vogel in Berlin gesucht hatte. Bei diesem sei am 28. September, also wenige Tage nach dem Fluchtversuch, ein Brief eingegangen, welcher Ulrich Henke entlasten sollte: Bei einer Verhaftung von Ulrich Henke sollte Dr. Vogel seine Verteidigung übernehmen, da er Edith nur hätte helfen wollen zu ihrem Verlobten nach Westdeutschland zu kommen. Ediths Verlobter war nicht davon ausgegangen, dass der Fluchtversuch mit dem Faltboot tödlich enden könnte, da an dem betreffenden Tage schönes Wetter vorausgesagt worden war. Er hatte höchstens mit einer Verhaftung der beiden Flüchtlinge gerechnet.


Biografie von Ulrich Henke, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/458-ulrich-henke/, Letzter Zugriff: 05.02.2023