Logo

Suche im Biographischem Handbuch

Biografisches Handbuch

Dieter Nagel

geboren am 21. März 1936 in Leipzig | vermutlich zwischen dem 2. und dem 4. November 1969 ertrunken | Ort des Vorfalls: Ostsee
Bildquelle BArch MfS, BV Leipzig AOP 410/70 Bd. 7.
Quelle: BArch MfS, BV Leipzig AOP 410/70 Bd. 7.
Dieter Nagel wollte im Herbst 1969 gemeinsam mit seiner Verlobten Beate Grunewald über Ostsee die DDR verlassen. Dieses Vorhaben scheiterte. Während die Leiche von Beate Grunewald einige Tage nach dem Fluchtversuch gefunden wurde, bleibt Dieter Nagel bis heute verschollen.

Dieter Walter Nagel wurde am 21. März 1936 in Leipzig geboren.

Aus einem Brief eines alten Freundes Dieter Nagels an die Zentrale Beweismittel- und Dokumentationsstelle Salzgitter (ZESt) vom 25. März 1991 ist viel über seine Person zu erfahren.  In der Erinnerung war sein alter Freund ein „liebenswerter, aufrichtiger, ehrlicher und geradliniger Mensch“.

Laut Brief lernten sie sich im Herbst 1951 kennen, als sie gemeinsam eine Ausbildung zum Elektromonteur im Leipziger Kraftwerk „Ernst Thälmann“ (heute Kraftwerk Süd) machten. Auf Grund gemeinsamer Interessen und auch politischer Ansichten wurden sie zu guten Freunden. Im Februar 1953 ging Nagels Freund dann mit seiner Familie nach Braunschweig in die Bundesrepublik. Da sein Bruder jedoch in Leipzig blieb, um das Studium zu beenden, unternahm er bis 1959 regelmäßig Besuchsreisen in die DDR, bei denen er sich auch immer wieder mit Dieter traf. Der Freund erinnerte sich, dass Dieter öfter gesagt habe: „Ich verstehe dein Weggehen, jedoch bin ich in Leipzig geboren. Ich bin Deutscher, denke deutsch und gehöre hierher. Es sollen die weggehen, die hierhergekommen sind und ihre sowjetische und stalinistische Meinung uns überstülpen wollen. Wenn wir alle weggehen, ändert sich nie etwas.“

In seiner Aussage gegenüber der ZESt beschrieb er seinen Freund Dieter Nagel als einen sehr heimatverbundenen Menschen, der sich jedoch eine Entwicklung des Staates zu einer freiheitlichen Demokratie und die Einheit Deutschlands wünschte. Dieter Nagel litt sehr unter dem „Spitzel- und Denunziantentum“, welches sich in den 1950er Jahren in allen gesellschaftlichen Ebenen zu etablieren schien. Die beiden Freunde „mussten [damals] erkennen, dass eine braune Diktatur durch eine rote Diktatur mit demokratischem Anstrich abgelöst wurde.“ Diese Beobachtung lässt erahnen, wie das spätere Verhalten des jungen Dieter Nagels zu verstehen ist.

Die ablehnende Haltung Dieter Nagels gegenüber dem staatlichen System in der DDR und die gleichzeitige Verbundenheit zu dem Land, in dem er lebte, führten wohl dazu, dass er sich dafür engagierte, Informationen aus der Bundesrepublik in die DDR zu bringen. 1953 wurde Dieter Nagel das erste Mal festgenommen. Man hatte ihn im Dezember beim heimlichen Kleben von Plakaten mit antistalinistischem Inhalt sowie dem Abschießen einer Flugblattrakete, die er bei einer Fahrt nach Westberlin erhalten haben soll, erwischt. Im April 1954 wurde er erneut von der Transportpolizei im Zug von Berlin nach Leipzig wegen des Verdachts der Spionage festgenommen. Man fand bei ihm ein paar Lebensmittel und vier verschlossene Briefe, die je einen Wochenspiegel des Telegrafen enthielten. Der Telegraf war eine SPD-nahe Zeitung in der Bundesrepublik. Das Wochenblatt im Din-A-5-Format wurde unter der Hand in der DDR verteilt. Für dessen Verbreitung konnte man in der DDR mit einer längeren Haftstrafe sanktioniert werden. Diese Delikte wurden genutzt, um Dieter Nagel unter Druck zu setzen und für das MfS anzuwerben. In einer Vernehmung am 13. April 1954 wurde ihm mitgeteilt, dass seine Haltung und sein Handeln nicht nur ihn beträfen. Seine Delikte wiegten so schwer, dass er ein paar Jahre Freiheitsentzug bekommen könne. Zudem würde es Auswirkungen auf die Arbeitsstelle seines Vaters haben, der zu dieser Zeit Hauptsachbearbeiter bei der Industrie- und Handelskammer war. Man bot ihm an, seine Schuld „wiedergutzumachen“, indem er mit der Staatssicherheit zusammenarbeitete. Dieter Nagel sagte zu und unterschrieb noch am selben Tag eine Verpflichtungserklärung zur Tätigkeit als Geheiminformant.

Der Druck reichte zwar aus, um ihn anzuwerben, doch scheinbar nicht, ihn auf Dauer zu halten. Kurze Zeit nach seiner Anwerbung wurde Dieter Nagel „republikflüchtig“, kehrte jedoch, wohl aufgrund schlechter Erfahrungen in der Bundesrepublik und in West-Berlin, zu seinen Eltern zurück und stellte sich freiwillig dem MfS.

Er und einige andere gleichgesinnte Jugendliche kamen kurz darauf in Haft, da sie Verbindungen zur in Westberlin sitzenden „Vereinigung politischer Ostflüchtlinge“, einem der CDU nahestehenden Verband gehabt haben sollen. In diesem organisierten sich Flüchtlinge aus der DDR wie auch Heimatvertriebene. Die Jugendlichen wurden am 9. September 1954 in Ost-Berlin medienwirksam vor Vertretern der internationalen Presse zurück in die Obhut ihrer Eltern gegeben. In der Neuen Zeit und auch der Berliner Zeitung vom 10. September 1954 wurde vom „Großmut der Regierung“ geschrieben, da die Heranwachsenden letztlich ja nichts dafür könnten, dass sie von Agenten westlicher Organisationen zu dieser „Hetzpropaganda“ verführt worden seien. Ihnen wurde vor dem internationalen Publikum versprochen, dass sie alle wieder in ihren Beruf zurückkehren könnten und alle „dabei auftretenden Fragen im Sinne der Jugend“ gelöst werden würden.

Dieter Nagel war danach weiterhin für das MfS tätig, doch war das für ihn kein Garant für ein berufliches Fortkommen, wie es ihm ursprünglich versprochen wurde. Nach dem Abschluss der Lehre gelang es ihm nicht, eine gut bezahlte Arbeitsstelle zu bekommen. Er vermutete, dass seine Vergehen der Vergangenheit ihm vorauseilten und entschied sich, im Abendstudium den Beruf des Grafikers zu erlernen. Er arbeitete dann freiberuflich und hatte geringe monatliche Einkünfte. Das MfS vermutete, dass er neben der angemeldeten Tätigkeit illegal für andere Grafiker arbeitete. Außerdem gab es Vermutungen? darüber, dass er vor allen Dingen auf Kosten weiblicher Bekanntschaften lebte. Zudem erhielt er bis zu deren Tod eine finanzielle Unterstützung durch seine Großeltern.

Seitens des MfS war man sich laut seiner Akte der Unbeständigkeit und des Wankelmuts bei Dieter Nagel hinsichtlich der politischen Linie des Staates bewusst, nahm dies aber in Kauf. Einem Bericht vom 5. September 1968 kann man hierzu einiges entnehmen: Im Frühjahr 1957 schmuggelte er optische Geräte nach Westberlin, stellte sich im Anschluss dem MfS, wurde wegen „Optikverschiebung“ verurteilt und war von Mai bis Dezember 1957 in Haft. Eine weitere Zusammenarbeit mit ihm wurde seitens des MfS daraufhin vorerst nicht weiterverfolgt. Im Mai 1958 setzte sich Nagel von sich aus mit der Staatssicherheit in Verbindung, da er Medikamentenschiebereien beobachtet hatte und dies mitteilen wollte. Die Zusammenarbeit mit ihm wurde wieder aufgenommen, und er etablierte sich für mehrere Jahre bei der Beschaffung von Informationen für das MfS.

Ab 1966 wurde er in den Augen der Staatssicherheit unzuverlässiger. Er erfüllte zwar seine Aufgaben, jedoch nur recht oberflächlich und ließ unentschuldigt Treffen ausfallen. Er schaute und hörte die Sender der Rundfunkanstalten der Bundesrepublik. Schulungen, die ihn auf die politische Linie der SED führen sollten, verliefen ohne Erfolg. 1967 wurde er mit einem weiteren Informanten eingesetzt, um eine Person aufzudecken, die „Schleusungen“ nach Westberlin organisierte – also Fluchthilfe betrieb. Gleichzeitig scheint er selbst auch überwacht worden zu sein. Es wurde bekannt, dass er begonnen hatte, eigenmächtig und in eigenem Sinn zu handeln. Er nahm ohne Wissen seines Kollegen Kontakt zu einem vermeintlichen Fluchthelfer auf und ließ durch ihn einen Brief an eine Bekannte in der Bundesrepublik schicken, indem dieser das Schreiben von West-Berlin mit der Post versenden sollte. Das MfS ging daraufhin davon aus, dass er aller Wahrscheinlichkeit „Anstrengungen unternahm, illegal die DDR zu verlassen“, was ihm aber nicht gelang. Dieter Nagel wurde auf diesen Verdacht hin nicht weiter für zielgerichtete Aufträge eingesetzt, sondern diente nur noch als Informant.

Ob Dieter Nagel bewusst war oder er befürchtete, wie viel die Staatssicherheit über seine Kontaktaufnahme zu den Fluchthelfern wusste, ist nicht bekannt. Doch ihm muss aufgefallen sein, dass er hinsichtlich seiner verdeckten Aufgaben wieder in einen weniger relevanten Bereich herabgesetzt wurde. Es ist möglich, dass seine erworbene Kenntnis um die Fluchthilfe und Schleusungen ihn dazu bewogen, den Weg aus der DDR über die Ostsee zu wagen. Im Herbst 1969 fuhr er mit seiner Verlobten, der sechs Jahre jüngeren Beate Grunewald, die Telegrafistin in Leipzig war, an die Ostsee. Über die Beziehung ist nicht viel bekannt. Am 21. Oktober 1969 fuhren die beiden mit einem PKW in Richtung Bad Doberan und hielten sich in der Gemeinde Wittenbeck auf. Im Gepäck hatten sie unter anderem ein Faltboot für zwei Personen. Ihre Rückreise war wohl für den 5. oder 6. November geplant. Doch sie kehrten nicht zurück.

Am Mittwoch, den 2. November 1969, wurden Beate Grunewald und Dieter Nagel gegen Mittag in der Nähe der Ortschaft Klein-Boltenhagen letztmalig gesehen. Bald danach müssen sie mit dem Faltboot losgepaddelt sein.

Am 4. November 1969 wurde im Strandgebiet Dierhagen ein beschädigtes Faltboot an Land geschwemmt. Anhand von darin gefundenen Gegenständen wurde festgestellt, dass dieses Dieter Nagel gehört hatte.

Am frühen Morgen des 6. November 1969 entdeckten zwei Spaziergänger eine weibliche Leiche am Strand zwischen Dierhagen und Wustrow. In einem späteren Brief an die ZERV vom 9. April 1994 berichtete einer von Ihnen: „Gerade, als wir nachsehen wollten, ob sie Papiere bei sich hat, kam aus Richtung Dierhagen ein älterer, kleiner Mann (ca. 60 Jahre) mit einem Fahrrad dazu und forderte uns auf, von der Toten zurückzutreten“. Dieser ältere Herr soll sich als Mitarbeiter der Staatssicherheit ausgegeben haben und gab an, dass diese Frau ertrunken sei, als sie mit einer weiteren Person mitten auf der Ostsee in einem kleinen Boot gewesen sei. Sie seien von Angehörigen der Grenztruppen aufgefordert worden, auf deren Schiff zu kommen, was sie wohl abgelehnt hätten. Aufgrund der bewegten See sei es dann zu dem tödlichen Unglück gekommen.

Am Montag, den 10. November 1969, wurde der PKW von Dieter Nagel in einem kleinen Waldgebiet zwischen Heiligendamm und Wittenbeck gefunden.

Der Verbleib von Dieter Nagel konnte seinerzeit nicht geklärt werden. Mitte November 1969 wurde ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen ungesetzlichen Grenzübertritts gemäß §213 des Strafgesetzbuches eingeleitet und eine Fahndung erlassen. Zudem wurde eine Vermisstenanzeige aufgesetzt. Dieter Nagels Vater hatte viele Nachforschungen zum Verbleib seines Sohnes unternommen und diese dokumentiert, doch ohne Ergebnis. Der Sohn blieb verschollen. Vermutlich aus Angst vor Repressionen hat seine Mutter nach dem Tod des Vaters Anfang der 1980er Jahre weitestgehend alle Unterlagen über diese Nachforschungen vernichtet. Zudem beantragte sie 1985 beim Kreisgericht Leipzig, dass Dieter Nagel für tot erklärt werden sollte. Gemäß der §§ 462 und 463 des Zivilgesetzbuches der DDR konnte ein Verschollener für tot erklärt werden, wenn seit dem Ende des Jahres, in dem er nach den letzten Nachrichten noch gelebt hat, 5 Jahre vergangen waren. Entsprechend wurde für seinen Todeszeitpunkt der 31. Dezember 1974 festgesetzt. Die Umstände um das tragische Schicksal des Paares Dieter Nagel und Beate Grunewald wurden erst nach dem Ende der DDR durch Mitteilungen und Nachforschungsersuchen von Zeitzeugen und Angehörigen näher durch die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) untersucht. Angestoßen durch den Brief eines Zeitzeugen sowie Aussagen eines alten Schulfreundes hat die ZERV zwei unterschiedliche Untersuchungsvorgänge miteinander in Verbindung bringen können und weitergehend ermittelt, jedoch ohne Ergebnis.


Biografie von Dieter Nagel, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/456-dieter-nagel/, Letzter Zugriff: 23.06.2024