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Biografisches Handbuch

Ernst-August Utpadel

geboren am 23. September 1943 in Berlin | in der Ostsee verstorben in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar 1962 | Ort des Vorfalls: Ostsee
BildunterschriftErnst-August Utpadel als junger Mann, kurz vor seiner Flucht
BildbeschreibungErnst-August Utpadel als junger Mann, kurz vor seiner Flucht
BildquelleHans-Joachim Wels, privat
Quelle: Hans-Joachim Wels, privat
Ernst-August Utpadel versuchte gemeinsam mit Friedrich Klein Anfang Februar 1962 mit einem motorisierten Faltboot von Rügen über die Ostsee aus der DDR zu fliehen. Dabei sind beide ums Leben gekommen.

Ernst-August Utpadel, von seinen Freunden Orje genannt, stammte aus Berlin und besuchte dort die Klement-Gottwald-Oberschule in Niederschöneweide. Er trat seinen Fluchtversuch gemeinsam mit Friedrich Klein ein Jahr nach seinem Abitur an. Ob er bis dahin eine Berufsausbildung oder ein Studium begonnen hatte, ist nicht bekannt.

Seine Familie war recht groß und über BRD und DDR verteilt. So besuchten seine Verwandten aus Frankfurt am Main die Familie der Großeltern von Ernst-August mehrmals in Berlin, wobei sie teilweise fünf Stunden an der deutsch-deutschen Grenze auf ihre Abfertigung warten mussten. Anlässlich dieser Besuche wurde dann manchmal auch die Familie Utpadel besucht, zum Beispiel zur Konfirmation (Einsegnung) des jungen Ernst-August, der in seiner Familie Augi genannt wurde, im Jahr 1956.

Die Familie Utpadel war segelbegeistert und ging diesem Hobby auf dem Seddiner See südlich von Berlin nach. Ernst-August war ein recht guter Segler – als er bei einem Besuch der Frankfurter Verwandtschaft 1960 diese auf einen Segeltörn einlud, war zumindest einer seiner Verwandten so davon beeindruckt, dass dieser danach selbst zu Segeln begann.

Im Jahr darauf, 1961, schlossen die Klassenkameraden Utpadel und Klein gemeinsam ihre schulische Laufbahn mit dem Abitur ab. Im Januar 1962 hatte Friedrich Klein bereits einen anderen Freund aus der gleichen Klasse gefragt, ob dieser bereit sei, zusammen mit ihm aus der DDR zu fliehen, wenn er einen Weg wüsste. Dieser Schulfreund wollte das zu dem Zeitpunkt nicht, und so hat sich Friedrich Klein danach offenbar seinen Klassenkameraden Orje gewandt.

Als junger Mann von 1,93 Meter Größe und athletischer Statur, der ein versierter Segler war, traute Utpadel sich das offenbar zu. Der Plan der beiden ist nicht bekannt geworden. Nur im Nachhinein ließ sich ihre Flucht zumindest teilweise rekonstruieren. Anfang Februar 1962, wahrscheinlich am 2., einem Freitag, mietete Friedrich Klein einen Trabant, mit dem die beiden sich am folgenden Sonnabend nach Rügen begaben. Zuvor hatte Klein einen Einbruch begangen und dabei ein Faltboot mit Motor gestohlen.

Auf Rügen wurden die beiden noch an einer Tankstelle gesehen – wahrscheinlich von einem Funktionsträger der zahlreichen, in den Grenzschutz an der Küste eingebundenen Sicherheitsorgane der DDR, denn zu diesem Anlass wurde auch eine Personenbeschreibung angefertigt und übermittelt. Menschen mit Booten waren diesen Organen grundsätzlich suspekt, besonders an der Küste außerhalb der Urlaubssaison.

Wahrscheinlich in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar legten die beiden dann von der Insel Rügen ab, um die DDR zu verlassen. Üblicherweise nahmen sich die Flüchtlinge, die Rügen als Ablandeort wählten, vor, die dänischen Inseln Møn oder Bornholm zu erreichen. Das gelang den beiden aber nicht. Im vorliegenden Obduktionsprotokoll zu Friedrich Klein wurde auch die Wetterlage in dieser Nacht verzeichnet: Westwind Stärke 5 bis 6 bei Temperaturen zwischen 0,5 und 2,5 Grad Celsius. Unter diesen Bedingungen ist eine Ostseeüberquerung mit einem, wenn auch motorisierten, Faltboot aussichtslos.

Dass die zwei Freunde dennoch den Versuch nicht abbrachen, spricht für ihre Entschlossenheit, aber auch für den Verfolgungsdruck, den die beiden wohl erahnten. Viele Flüchtlinge wurden nach abgebrochenen Fluchtversuchen noch ermittelt und festgenommen. Schon den Strand mit der Ausrüstung erreicht zu haben war ein Erfolg, dessen Wiederholung schwierig geworden wäre. Zusätzlich dazu war Utpadel zwar ein guter Segler, aber die Bestimmungen zum Segelsport, die in der DDR galten, hatten auch in seinem Falle zuverlässig dafür gesorgt, dass er keinerlei Vorstellungen von den Anforderungen hatte, die die Ostsee an Menschen und Material stellt.

Wie genau die beiden zu Tode gekommen sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Im Obduktionsprotokoll von Friedrich Kleins Leiche verweisen die Obduzenten darauf, dass es Hinweise auf einen Ertrinkungstod gebe, dieser aber auch aufgrund der langen Liegezeit (Kleins Leiche war am 2. Juni 1962, vier Monate nach der Ablandung der beiden, auf Hiddensee angeschwemmt worden) nicht mehr eindeutig nachgewiesen werden kann. In der abschließenden Einschätzung der Obduktionsergebnisse von Friedrich Klein findet sich eine Notiz, die auch für Ernst-August zutrifft: „Da das Faltboot bei den herrschenden Witterungsbedingungen nicht als seetüchtig angesehen werden kann, besteht der Verdacht, dass das Boot entweder kenterte oder die Insassen infolge Unterkühlung handlungsunfähig wurden und dadurch über Bord gingen.“

Das Faltboot und der Trabant wurden wenige Tage später auf Rügen gefunden. Die Eltern der beiden hatten jeweils Vermisstenanzeigen aufgegeben und die Volkspolizei brachte diese aufgrund der vorliegenden Personenbeschreibungen schnell mit den Funden in Zusammenhang und vermutete eine aus Sicht der DDR illegale Ausreise über die Ostsee. Die Eltern wurden aber jeweils erst über den Verbleib ihrer Söhne informiert, als deren Leichen gefunden wurden. Bei Ernst-August Utpadel geschah das, nachdem seine Leiche am 14. Juli 1962 an der frischen Nehrung in Polen, bei Krynica Morska im Kreis Elblag, angeschwemmt worden war.


Biografie von Ernst-August Utpadel, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/441-ernst-august-utpadel/, Letzter Zugriff: 08.02.2023