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Biografisches Handbuch

Harald Zech

geboren in Neustettin (heute: Szczecinek, Polen) | gestorben zwischen dem 16. und dem 23. September 1964 | Ort des Vorfalls: Ostsee
Der 20-jährige Harald Zech begab sich am 16. September 1964 mit seinem Freund Hans-Jürgen Röddiger mit Booten ausgerüstet an die Ostsee zwischen Prerow und Zingst. Seit dem ist er verschwunden und von seinem Tod auszugehen.

Harald Zech stammte aus dem heute polnischen Neustettin (Sczcecinek) in der Woiwodschaft Westpommern, von wo aus seine Familie nach dem Zweiten Weltkrieg ins Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommers emigrierte.

Er hatte einen eigenen Wohnsitz in Bresewitz, das heute zum 700-Einwohner Dorf Pruchten gehört und beschaulich auf dem letzten Stück Festland vor dem Darß gelegen ist. Besonders viel Zeit wird er dort vor seiner Flucht nicht verbracht haben, denn an Werktagen bewohnte er mit seinem Vater ein Zimmer in Baracken an der Stralsunder Bahnhofstraße, derselben Straße, in der Hans-Jürgen Röddiger seinen Ausbildungsbetrieb hatte. Harald erlernte in Stralsund bei einer Privatfirma das KFZ-Schlosserhandwerk.

In der Abgangsmeldung über ihn wird die Tatsache, dass er sich wochentags mit seinem Vater ein Zimmer teilte, so interpretiert, dass seine Wohnsituation zufriedenstellend gewesen sei. Tatsächlich gibt es aber einige Fluchtfälle, in denen eine für die Flüchtlinge schwer erträgliche Wohnsituation Grund zur Flucht war. Wenn man davon ausgeht, dass ein knapp 20-Jähriger in seiner Wohnung noch andere Bedürfnisse als Schlaf stillen mochte und er sich ein Zimmer mit seinem Vater teilen musste, ist zumindest fraglich, ob ihn diese Situation zufrieden stellte.

Im unmittelbaren Vorfeld seiner Flucht hatte er sich nicht zu seinem Musterungstermin am 16. September 1964 begeben, aber sein Vater zeigte sich im Nachhinein davon überzeugt, dass dies nicht der Grund für seine Flucht sein konnte. Er hätte sich mit seiner Einberufung abgefunden.

Andererseits ist aus den Quellen ersichtlich, dass Zech in der DDR kein Musterbürger war. Seine Arbeitsleistungen wurden als durchschnittlich bezeichnet und er musste sich deswegen mehrmals in Aussprachen belehren lassen. Es war ihm offensichtlich auch kein Anliegen, in den „Freien Deutschen Gewerkschaftsbund“ (FDGB) einzutreten, denn dies tat er erst nach einem halben Jahr und wiederum nach mehreren Aussprachen. Wirkliches Interesse habe bei ihm nur an seinem Motorrad bestanden.

Die Spuren, die Zech kurz vor seinem Verschwinden hinterlassen hat, deuten darauf hin, dass er höchstwahrscheinlich mit seinem Freund Hans-Jürgen Röddiger, der ebenfalls in Stralsund lebte und nur knapp acht Monate älter war, mit einem Boot versucht hat, die DDR über die Ostsee zu verlassen.

Seit seinem Musterungstermin am 16. September und seinem dortigen Fehlen galt er als verschwunden. Auch sein Freund Hans-Jürgen Röddiger galt seit dem 16. September als vermisst. Er war nicht zu seiner Arbeit erschienen und hatte, laut der Abgangsmeldung über ihn, an diesem Tag seinen Freund Zech in dessen Wohnung in Bresewitz besucht.

Dort fand man bei den späteren Ermittlungen dann auch Lederjacken und Motorradführerscheine der beiden. Ein Motorrad, nämlich das von Röddiger, wurde später zwischen Zingst und Prerow auf dem Darß entdeckt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt mussten die DDR-Ermittlungsbehörden davon ausgehen, dass die beiden versucht hatten, die DDR über die Ostsee zu verlassen. Diese Annahme stützen auch die Aussagen von Hans Zechs Vater am 20. September (1964) und Hans-Jürgen Röddigers Mutter am 23. September (1964). Beide gaben jeweils an, dass ihr jeweiliger Sohn mit einem Boot weggefahren sei.

Seitdem fehlt von beiden jede Spur. Es wurden keine Leichen geborgen, die ihnen zugeordnet werden konnten und in den Überlieferungen der DDR-Sicherheitsbehörden, also vor allem der Volkspolizei (VP) und des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), finden sich keine weiteren Hinweise auf sie. Weder wurde eines ihrer Boote gefunden, noch konnten die DDR-Behörden eine erfolgreiche Ankunft der beiden im Ausland nachweisen.

Dennoch ist es plausibel, beide als Fluchtopfer einzuschätzen. Ihr schneller und relativ spontan erscheinender Entschluss deutet darauf hin, dass sie ihre Absicht geheim gehalten und eventuelle Pläne mit niemandem geteilt haben. Dass sie im Kontext ihres Lebens in der DDR wichtige Gegenstände wie ihre Lederjacken und Motorräder einfach zurückgelassen haben, spricht ebenfalls dafür, dass sie vorhatten, ihr Leben in der DDR hinter sich zu lassen. Alle Indizien der beiden, die noch gefunden werden konnten, führten zum Ostseestrand zwischen Prerow und Zingst, danach wurde nie wieder eine Spur von ihnen gefunden. Dieser Ostseestrand war ein Ablandeort insbesondere für DDR-Flüchtlinge, die mit kleinen Booten, wie sie Zech und Röddiger mitführten, das dänische Gedser oder das dazugehörige Feuerschiff erreichen wollten. Deswegen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sie mit ihren Booten tatsächlich gemeinsam versucht haben, die DDR illegal über die Ostsee zu verlassen, und dabei ums Leben gekommen sind.


Biografie von Harald Zech, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/421-harald-zech/, Letzter Zugriff: 02.03.2024