Logo

Suche im Biographischem Handbuch

Biografisches Handbuch

Edith Morack

geboren am 25. Oktober 1942 in Witzen (heute: Wicina, Polen) | ertrunken vermutlich zwischen dem 22. September und dem 24. September 1967 | Ort des Vorfalls: Ostsee
Um endlich mit ihrem Verlobten in Hamburg vereint zu sein, versuchte Edith Morack gemeinsam mit ihrem Bekannten Ulrich Henke die Flucht über die Ostsee mit einem Faltboot. Sie starteten vermutlich im Zeitraum vom 22. bis zum 24. September 1967 am Darß. Der Fluchtversuch endete tödlich. Edith Moracks Leiche wurde am Strand zwischen Neuendorf und Vitte auf der Insel Hiddensee angespült.

Edith Morack wurde am 25. Oktober 1942 in Witzen geboren. Das beschauliche Dorf lag östlich der Neiße im Landkreis Sorau in der Niederlausitz, der seit dem Kriegsende zum Landkreis Żary der polnischen Woiwodschaft Lebus gehört. Über Ediths Kindheit und Jugend ist wenig bekannt, außer, dass sie mit einer Schwester aufwuchs. Ihr letzter bekannter Wohnort war Luckenwalde, nahe Berlin. Dort war die junge Frau als Kindergärtnerin tätig.

Als ein mögliches Motiv für die Flucht aus der DDR ist anzunehmen, dass Edith, die mit einem westdeutschen Seemann aus Hamburg verlobt war, das Land verlassen wollte, um mit ihrem Partner in der Hansestadt zusammenzuleben und heiraten zu können. Sie trafen sich wiederholt in Berlin, wo Ediths Verlobter wahrscheinlich jedes Mal mit einem Tagespassierschein einreiste. Weiterhin verbrachten die beiden Verliebten einmal im Jahr einen gemeinsamen Urlaub im Ostseebad Prerow.

Dort hielten sie sich im Jahr 1967 seit Ende August auf. Vermutlich traf das Paar hier auf den jungen Flugsicherheitsassistenten Ulrich Henke, der ebenfalls mit dem Gedanken spielte, die DDR zu verlassen. Henke hatte den Wunsch, beruflich zum fliegenden Personal aufzusteigen. Aufgrund von Aussagen seines Vaters gegenüber der Fluggesellschaft der DDR, der Interflug, dass seine politische Einstellung leicht oppositionell sei und sein Sohn für Auslandsreisen politisch noch nicht reif genug wäre, vermutete Ulrich Henke jedoch, dass ihm sein Karriereziel in der DDR verwehrt bleiben würde. Da Henke im Sommer 1967 am Flughafen in Barth angestellt war und seine Verwandten Urlaub in Prerow machten, hielt er sich vermutlich ebenfalls dort auf.  Möglicherweise tauschte sich das Dreiergespann hier über die Möglichkeiten zum Verlassen der DDR aus und schmiedete einen gemeinsamen Fluchtplan.  Welche  Beziehung das Paar und Ulrich Henke zueinander hatten und ob sie sich vielleicht schon vor dem Urlaub kannten, kann jedoch nicht rekonstruiert werden.

Ediths Verlobter soll sich am 20. September 1967, einem Mittwoch, noch in Prerow aufgehalten haben und geplant haben seine Lebensgefährtin einen Tag später, am 21. September, zur Bahn zu bringen. Aufgrund dieser Tatsachen äußerten Zeugen in einem späteren Vernehmungsgespräch den Verdacht, dass er bei den  Fluchtvorbereitungen involviert gewesen sein müsse. Auch Ulrich Henke wurde an diesem Tag das letzte Mal lebend gesehen. Vermutlich nur wenige Zeit nach dem Abschied von ihrem Verlobten, zwischen dem 22. und 24. September, unternahm Edith Morack gemeinsam mit Ulrich Henke den Versuch, die DDR mit einem Faltboot vom Darß aus zu verlassen. Sie sollten ihr ersehntes Ziel nie erreichen.

Am 24. September 1967 wurde durch einen Forstarbeiter in einem Waldstück in Prerow in der Nähe des Strandes eine Grube von drei Meter Länge und vierzig Zentimeter Tiefe entdeckt, die offensichtlich als das Versteck eines Faltbootes gedient hatte. Weiterhin befanden sich in der Grube ein Faltbootsack, eine Damensilastik-Hose und ein Schein mit einer Gebrauchsanweisung für Schwimmwesten auf dem Henkes Name vermerkt war. Neben den persönlichen Gegenständen wurden mehrere Pinsel und eine angebrochene Flasche mit schwarzer Nitrofarbe gefunden.

Am selben Tag wurde durch einen Fischkutter ein Zwei-Personen-Faltboot etwa eine Seemeile nördlich vom Dornbusch (Hiddensee) entdeckt, dessen vordere Hälfte mit schwarzer Nitrofarbe überpinselt war. Im Boot, welches nicht gekentert war, befanden sich eine Spritzdecke und zwei Schwimmbeutel. Das Faltboot wurde der Grenzbrigade Küste übergeben und nach Ermittlungen Edith Morack und Ulrich Henke zugeordnet.

Anfang Oktober, am 4. Oktober 1967, wurde gegen 13.30 Uhr durch ein finnisches Fährschiff eine Wasserleiche in der Ostsee gesichtet, geborgen und der Lübecker Kriminalpolizei übergeben. Diese wurde später als Ulrich Henke identifiziert.

Die Leiche der 24-jährigen Edith Morack wurde am 25. September 1967 am Weststrand der Insel Hiddensee zwischen Vitte und Neuendorf aufgefunden. Nach ihrem Tod suchte ihr Verlobter den Kontakt zur Familie Henke. Am 5. Oktober 1967, dem Tag, an dem durch die Lübecker Polizei das Auffinden der Leiche von Ulrich Henke bekannt wurde, traf ein Telegramm von Ediths Verlobtem aus Hamburg bei Henkes Familie ein, welches den folgenden Text beinhaltete: „Zu dem mir unfaßbaren Tod meiner lieben Edith und meines Freundes Ulli sendet Ihnen in tiefer Trauer (…)“. Unterzeichnet war das Schreiben mit seinem Namen. In einem zweiten Telegramm, welches einen Tag später bei der Familie Henke eintraf, bot er ihnen Hilfe bei der Überführung der Leiche des Sohnes an.

Zudem wurde am 9. Oktober 1967 bekannt, dass Ediths Verlobter im Vorfeld Kontakt zum Rechtsanwalt Dr. Vogel in Berlin gesucht hatte. Bei diesem sei am 28. September, also wenige Tage nach dem Fluchtversuch, ein Brief eingegangen, welcher Ulrich Henke entlasten sollte: Bei einer Verhaftung von Ulrich Henke sollte Dr. Vogel seine Verteidigung übernehmen, da er Edith nur hätte helfen wollen zu ihrem Verlobten nach Westdeutschland zu kommen. Ediths Verlobter war nicht davon ausgegangen, dass der Fluchtversuch mit dem Faltboot tödlich enden könnte, da an dem betreffenden Tage schönes Wetter vorausgesagt worden war. Er hatte höchstens mit einer Verhaftung gerechnet.

Der Zentralen Beweismittel- und Dokumentationsstelle der Landesjustizverwaltungen (ZESt) in Salzgitter wurde der Sachverhalt bekannt, nachdem Edith Moracks Mutter nach 1989 einen Antrag auf Entschädigung nach dem Häftlingsgesetz gestellt hatte. Trotz intensiver Ermittlungen konnte die aus den vorhandenen Archivbeständen und den Obduktionsgutachten der Institute für Gerichtsmedizin in Rostock und Greifswald keine weiteren Anhaltspunkte auf Personendaten von Edith Morack und den Fluchtvorgang ausfindig machen.


Biografie von Edith Morack, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/418-edith-morack/, Letzter Zugriff: 02.02.2023