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Biografisches Handbuch

Hartwig Constantin

geboren am 16. Mai 1940 in Marbach/Thüringen | vermutlich Ende Oktober 1983 in der Ostsee ertrunken | Ort des Vorfalls: Ostsee
BildunterschriftHartwig Constantin
BildquellePrivatsammlung U. Constantin
Quelle: Privatsammlung U. Constantin
Hartwig Constantin versuchte Ende Oktober 1983, schwimmend die DDR zu verlassen. Er startete vermutlich in Boltenhagen. Am 12. November 1983 wurde am Strand von Fehmarn durch einen Spaziergänger seine Leiche entdeckt.

Hartwig Constantin starb im Herbst 1983 bei dem Versuch, die DDR schwimmend von Boltenhagen aus über die Ostsee zu verlassen.

Er wurde am 16. Mai 1940 in Marbach bei Erfurt geboren und entstammte einer im 19. Jahrhundert nach Deutschland zugewanderten griechischen Unternehmerfamilie, die sich im Tabakgewerbe etablieren konnte und einen Firmensitz in Dresden hatte. Hartwig Constantins Eltern hatten sich diesem Geschäft jedoch abgewandt und sind nach Marbach in Thüringen gezogen. Hier wuchs Hartwig Constantin als mittleres Kind auf. Er hatte eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder.

Hartwig Constantin machte Abitur und studierte Maschinenbau. Er verliebte sich und wurde 1961 Vater eines Sohnes. Dieser wuchs die ersten Jahre bei seiner Großtante auf, da Hartwig Constantin sich zu dieser Zeit noch im Studium befand und er mit der ebenfalls arbeitstätigen Mutter des gemeinsamen Kindes auch keine gemeinsame Wohnung hatte. Doch die Familie sollte nach dem Studium irgendwann zusammenfinden und sie zogen nach Berlin.

Hartwig Constantin bekam in der Stadt eine Stelle beim Institut für Regelungstechnik und wirkte an der Entwicklung von Computern mit. Er war dort Abteilungsleiter und ein geschätzter Mitarbeiter. Man versuchte immer wieder, ihn zu einer Mitgliedschaft bei der SED zu bewegen, doch er wehrte sich dagegen. Seine Frau hatte eine Arbeit bei den Elektro-Apparate-Werken. Auch sie war in leitender Tätigkeit angestellt und wurde immer wieder zu einem Parteieintritt aufgefordert, dem auch sie nie nachkam.

1967 bekamen die beiden ihr zweites Kind, eine Tochter. Nunmehr zu viert hatten sie ein für diese Zeit typisches Familienleben. Mit dem Unterschied, dass die Eltern, obschon sich vor allem aufgrund der beruflichen Stellungen die Vermutung hierzu nahelegen ließe, alles andere als staatstreu waren. Hartwig Constantin war sogar so sehr Gegner der politischen Linie der DDR, dass er den Kindern verbot, Sender des Staatsfernsehens zu schauen. Gleichwohl hatten sie ein gutes Leben. Sie hatten viele Freunde und feierten immer wieder Partys. Sie bekamen auch oft Besuch von einem befreundeten Paar aus Westberlin.

Die Fröhlichkeit und Menschenliebe, die er nach außen verkörperte, war innerfamiliär wohl nicht immer gegeben. Der sehr kluge und klare Mann konnte scheinbar auch sehr aufbrausend sein. Dies war ein Problem, das immer wieder zu Konflikten führte und letztlich nicht überwunden werden konnte.

Als der Sohn schon aus dem Haus und die Tochter fast erwachsen war, ließ seine Frau sich im Mai 1983 von ihm scheiden und fand bald einen neuen Partner, was für ihn nur schwer zu ertragen war. Aufgrund der Wohnungsknappheit mussten die geschiedenen Leute dennoch in der gleichen Wohnung bleiben und ihm wurde Tag für Tag sein schmerzlicher Verlust vor Augen geführt. Er wollte nach Westdeutschland und das alte Leben hinter sich lassen. Aufgrund seiner Stellung konnte er allerdings keinen Ausreiseantrag stellen, da er offiziell als „Geheimnisträger“ galt und man ihn nie gehen gelassen hätte. Also blieb nur ein „illegales“ Verlassen des Landes als Möglichkeit. Er ging regelmäßig zur Schwimmhalle und trainierte dort bis zur Erschöpfung für seine geplante Flucht über die Ostsee. Im Herbst besuchte er auch noch einmal seine Familie in Erfurt. Niemand ahnte etwas von seinem Plan. Was das intensive Training betraf, dachten alle, er würde damit seinen durch die Trennung verursachten Kummer kompensieren. Er ließ sich von den Freunden aus Westberlin einen Neoprenanzug besorgen, der von diesen nach Ost-Berlin geschmuggelt werden konnte.

Vermutlich begann seine Flucht am letzten Wochenende im Oktober 1983. Als Hartwig Constantin am Montag, den 31. Oktober 1983 nicht zur Arbeit erschien, wurde seine Ex-Frau benachrichtigt. Vor Sorge, er könne sich etwas antun, meldete diese ihn noch am selben Tag bei der Polizei als vermisst. Am 16. November wurde sein Wagen auf einem Parkplatz in Boltenhagen gefunden. Von hier scheint er abgelandet zu sein, um an die westdeutsche Küste zu schwimmen.

Am 12. November 1983 entdeckte ein Spaziergänger mittags am Strand von Meeschendorf auf Fehmarn eine männliche, mit einem Taucheranzug bekleidete Leiche. Um den Körper war ein Proviantbeutel aus Leder geschnallt, in dem sich diverse Personalpapiere befanden, die sämtlich auf Hartwig Constantin ausgestellt wurden. Anhand der Lichtbilder in den Ausweispapieren ließ sich Hartwig Constantin eindeutig identifizieren.

Hartwig Constantin wurde auf dem Friedhof Bannersdorf/Fehmarn beigesetzt.


Biografie von Hartwig Constantin, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/351-hartwig-constantin/, Letzter Zugriff: 08.02.2023