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Biografisches Handbuch

Ulrich Keiser

geboren am 21. November 1942 in Stralsund | aus der Ostsee tot geborgen am 10. September 1963 | Ort des Vorfalls: Ostsee zwischen Prerow und Gedser
Der Dachdecker Ulrich Keiser versuchte Ende August 1963 mit seinen zwei Cousins und drei Freunden per Faltboot vom Darß aus nach Gedser in Dänemark zu gelangen. Keiser kam bei dem Fluchtversuch ums Leben. Seine Leiche wurde am 10. September 1963 in der Nähe des Gedser Feuerschiffs geborgen.

Ulrich Erwin Albert Keiser wurde inmitten des Zweiten Weltkriegs, am 21. November 1942, geboren. Sein Vater kehrte aus dem Krieg nicht zurück und die Mutter heiratete später einen anderen Mann. Zusammen lebten sie in Stralsund in der Nähe des Alten Marktes. Ulrich war von Beruf Dachdecker, ebenso wie seine Cousins, die Gebrüder Albrecht. Mit diesen sowie drei weiteren Freunden aus Stralsund verbrachte er viel Zeit. Sie alle einte die Unzufriedenheit mit dem politischen System und den wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten der DDR.

Den Ausweg aus ihrer Verdrossenheit sahen die Freunde in einer gemeinsamen Flucht in den Westen. Im Winter 1963 entwickelten sie erste Fluchtideen. Zu diesem Zeitpunkt waren die sechs Männer alle zwischen 18 und 20 Jahren alt – nur einer war noch Schüler und erst 16 Jahre jung.

Wie die Flucht im Einzelnen ablief, lässt sich durch spätere Zeugenaussagen von drei Beteiligten des Fluchtversuchs rekonstruieren. Im Sommer 1963 wurden die Pläne der Gruppe konkret. Sie wollten mit Booten ins dänische Gedser fliehen. Keisers Cousin Wolfgang Albrecht besaß bereits ein Faltboot, ein zweites wurde besorgt. Die Boote waren für zwei Personen ausgelegt, sollten aber mit jeweils drei Personen besetzt werden. Ende August 1963 fuhren die Freunde mit ihren Motorrädern zum Zelten nach Prerow auf die Halbinsel Darß. Hier hatten sie schon des Öfteren ihren Urlaub verbracht und erregten daher auch bei ihren Eltern keinen Verdacht. Die Boote und Zelte wurden von einem Bekannten mit einem Lieferwagen nach Prerow gebracht, der dafür 20 DM erhielt. Der Zeltplatz lag direkt am Strand, sodass sie von hier aus die Lage genau beobachten und auf den günstigsten Zeitpunkt für die Flucht warten konnten.

Etwa zwei Tage nach ihrer Ankunft, vermutlich am 24. oder 25. August 1963, bestiegen sie gegen 21.30 Uhr die Boote. Als weitere Hilfsmittel diente ihnen Kompasse sowie Autoreifenschläuche, die als Rettungsringe fungieren sollten. Neoprenanzüge hatten sie keine, sie wollten mit ihrer normalen Kleidung die Flucht durchführen. Es war vorher ausgemacht worden, wer in welchem Boot sitzen würde: Zuerst gingen Ulrich Keiser, sein Cousin Wolfgang Albrecht und der Jüngste aus der Gruppe, Reinhard Behm, mit ihrem Boot ins Wasser. Es folgten im zweiten Boot Keisers anderer Cousin und zwei weitere Freunde. Die sechs jungen Männer sahen sich in diesem Moment das letzte Mal.

Zum Zeitpunkt der Flucht herrschte ruhige See, die Sicht war jedoch leicht diesig. Nach einiger Zeit kam starker Wind auf, Wellenberge taten sich auf und warfen das Boot, das als zweites gestartet war, um. Die Drei schwammen nun auf ein Grenzboot der NVA zu. Nachdem sie um Hilfe gerufen hatten wurde ein Schlauchboot abgesetzt, das sie aufnahm. Sie wurden dem VPKA Ribnitz übergeben und dann tagelang verhört. Nach einer dreimonatigen Untersuchungshaft wurden die Freunde am 8. Oktober 1963 wegen des Verstoßes gegen das Passgesetz zu acht Monaten Haft verurteilt, die sie bis zum April 1964 verbüßten.

Die Insassen des ersten Bootes hingegen sind alle drei ums Leben gekommen. Ulrich Keiser wurde am 10. September 1963 tot aus der Ostsee geborgen; seine Leiche wurde in der Nähe des Gedser Feuerschiffs entdeckt. Sie war bekleidet mit einer schwarzen Turnhose und einem schwarzen, weitmaschigen, langärmligen Wollpullover. Die Todesursache ließ sich durch die etwa 14-tägige Liegezeit der Leiche im Wasser nicht mehr eindeutig feststellen, es sprach jedoch nichts gegen einen Tod durch Ertrinken. Die Obduktion wurde nach der Überführung des Leichnams nach Warnemünde im Sektionssaal des Neuen Friedhofs in Rostock durchgeführt. Die Mutter gab in einer Zeugenvernehmung durch das Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern 30 Jahre später an, dass ihr Mann am 10. September nach Rostock fuhr, um die Leiche zu identifizieren. Einige Tage später wurde Ulrich Keiser auf dem Zentralfriedhof in Stralsund bestattet.

Die Leiche von Wolfgang Albrecht war bereits am 7. September in der Nähe von Zingst angespült worden. Reinhard Behm wurde am 11. September am Gellenstrom vor Hiddensee als Wasserleiche geborgen.


Biografie von Ulrich Keiser, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/347-ulrich-keiser/, Letzter Zugriff: 08.02.2023