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Biografisches Handbuch

Frank Engelhardt

geboren am 21. Juli 1949 in Leipzig | tot geborgen am 27. September 1974 aus der Ostsee | Ort des Vorfalls: Ostsee
BildunterschriftFrank Engelhardt
BildquelleQuelle: BStU
Quelle: Quelle: BStU
Frank Engelhardt starb Mitte September 1974 bei dem Versuch, die DDR über die Ostsee zu verlassen. Seine Leiche wurde am 27. September durch einen dänischen Fischer im Fangnetz geborgen.

Günter Frank Engelhardt wurde am 21. Juli 1949 in Leipzig als erstes von vier Kindern geboren. Sein Vater war gelernter Horizontalbohrer, arbeitete aber als Beifahrer in der Markthalle Leipzig. Seine Mutter war Hausfrau und kümmerte sich um ihn und seine drei jüngeren Schwestern.

Frank besuchte acht Jahre die Gemeinschaftsschule in Leipzig und wechselte dann auf die Oberschule, um nach Abschluss der zehnten Klasse eine Berufsausbildung zu beginnen. Seine schulischen Leistungen waren nicht hervorstechend. Die einzig guten Noten hatte er in Astronomie und Geographie, in den anderen Fächern reichte es größtenteils nur zu mittelmäßiger Leistungsbewertung. Als Jugendlicher ist er bis zu seinem ersten Fluchtversuch nicht auffallend in Erscheinung getreten. Er war kein aktives Mitglied der FDJ, doch das eher aus Nachlässigkeit denn aus Überzeugung. Er arbeitete im Rahmen der Pionierarbeit im „Zirkel Schiffsmodellbau“ mit. Mit einigen seiner Klassenkameraden dachte er sich Geheimschriften aus, die sie nutzten, um sich in der Schule Zettel zu schreiben, welche die Lehrer nicht lesen können sollten. Er war in den Schulklassenverband integriert, doch zählte er nur wenige Menschen zu seinen Freunden. Wenn er mal ausging, dann sonntags ins Kino. Er besuchte keine Gaststätten, schaute kein „Westfernsehen“ und hörte nur ab und an „Westfunk“ wegen der Schlagermusik. Mit der Beat-Bewegung oder auch anderen Jugendgruppierungen seiner Zeit konnte er nur wenig anfangen. Die einzigen „westdeutschen Schmöker“, die er jemals las, waren ein paar Mickey-Maus-Hefte, die in der sechsten Klassenstufe herumgereicht wurden.

Seine Freizeit war in erster Linie durch sportliche Betätigungen geprägt. Er war Radrennsportler, betrieb Sporttauchen und im Winter war er zum Ausgleich für das fehlende Radrenntraining im Boxverein aktiv. Er gewann im Radsport ein paar lokale Preisrennen und setzte sich das Ziel, einmal für die DDR bei der „Internationalen Friedensfahrt“ mitzufahren. Doch durch Weggang seines Trainers und den dadurch bedingten Trainingsausfall zerschlug sich diese Hoffnung. Zusätzlich zum Sport war Frank auch kreativ tätig. Neben dem Schiffsmodellbau schrieb er gerne utopische Geschichten. Eine hatte den Titel „Planet der Totenstätte“. Hier legte Frank seine Gedanken zur Weltraumforschung dar. Um sich ein wenig dazuzuverdienen, sammelte er Arzneimittelpflanzen. Aus dem Erlös finanzierte er zum Teil ein Rennrad mit, welches ihm hauptsächlich seine Eltern bezahlten.

Im Herbst 1965 begann durch die Schule organisiert die Berufsorientierung und Suche nach einer Lehrstelle. Frank wäre gerne Schiffsbauer oder Fernkraftfahrer geworden. Vom VEB Kraftverkehr Leipzig erhielt er auch ein Stellenangebot, doch seine Eltern wollten dem geplanten Lehrverhältnis nicht zustimmen. Seine Eltern übten viel Einfluss auf seine Berufsfindung aus und verwehrten ihm bei mehreren Angeboten die elterliche Zustimmung zum Vertragsabschluss, da sie scheinbar nicht wollten, dass Ihr Sohn die Stadt verließ.

Um dennoch Schiffsbauer zu werden, entschied sich Frank im Januar 1966 „in den Westen“ zu gehen. Ihn trieb auch die Vorstellung, von dort in andere Länder reisen zu können, eventuell sogar mit einem eigenen Segelboot. Die Flucht plante er zu Beginn mit zwei weiteren Klassenkameraden, von denen einer im März dann doch eine Zusage für eine Lehrstelle bekam, welche er wahrnahm und sich darauf von dem Plan verabschiedete. Der Verbleibende wollte das Vorhaben weiter mit Frank durchführen. Sie setzten als geplantes Fluchtdatum vorerst den 15. Juli fest. Zu dieser Zeit wäre die Schule abgeschlossen und in der DDR Schulferien.

Im März 1966 begannen die beiden die Vorbereitungen. Sie buchten für die Zeit vom 15. zum 17. Juli Übernachtungen in ein paar Jugendherbergen in Thüringen, die parallel zum Grenzverlauf nach Niedersachsen lagen. Eine mehrtägige Wandertour sollte ihre Tarnung sein, falls sie beobachtet oder festgenommen werden sollten. Vom Hörensagen war ihnen bekannt, dass die Grenze durch Minen gesichert sein soll. Um diese Gefahr zu umgehen, bauten sie nach Anleitung eines Elektro-Bastelbuches einen Metalldetektor, den sie als Minensuchgerät nutzen wollten. Mit Hilfe eines alten Auto- und eines Schulatlas‘ erstellten sie sich einen Fluchtplan, um im Raum Nordhausen über die Grenze nach Niedersachsen zu gelangen. Als die beiden sich am 28. März trafen, legten sie den Fluchttermin auf Franks Vorschlag hin nach vorne, auf den 9. April. Der Grund, nicht erst im Sommer, sondern in knapp zwei Wochen nach Westdeutschland zu gelangen lag darin, dass dort zu Ostern die zehnten Klassen ausscheiden. Die Idee war, rechtzeitig in Westdeutschland zu sein, um noch eine Lehrstelle für das bevorstehende Ausbildungsjahr zu bekommen. Am 7. April fuhren sie zum Leipziger Hauptbahnhof und erstellten ihren Fahrplan nach Nordhausen. Am Tag darauf eröffnete Franks Freund ihm jedoch, dass er gerne noch die Jugendweihe seiner Schwester miterleben wolle und sie die Reise doch auf den 11. April verlegen sollten.

Das plötzliche Verzögern des Vorhabens durch seinen Kompagnon ließ Frank ob dessen genereller Fluchtbereitschaft zweifeln. Er stimmte dem neuen Termin zwar zu, rückte aber nicht von seinem eigenen Plan ab. Am Samstag, den 9. April verließ er sehr früh die elterliche Wohnung unter dem Vorwand, einen Freund besuchen zu fahren und am Sonntagabend wieder zu Hause zu sein. Die Zugfahrt von Leipzig nach Halle verlief komplikationslos, doch im Zug von Halle nach Nordhausen wurde er um 10:45 zwischen Wallhausen und Roßla durch die Transportpolizei festgenommen. Am Tag danach wurde er in Gotha zur Vernehmung vorgeführt und gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen „Verstoß gegen Paßgesetz nach § 8“ eingeleitet. Ab dem 11. April saß er in der Untersuchungshaftanstalt (UHA) in Leipzig ein. Das Kreisgericht Leipzig verurteilte ihn zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten. Am 26. Mai 1966 wurde im Zuge des Schlussberichts des Verfahrens vorgeschlagen, die Haft zur Bewährung aufzuheben, damit Frank Engelhardt den versäumten Unterricht schnellstens aufholen kann, um ihm eine regulär geplante Berufsausbildung zu sichern. Diese Möglichkeit wurde ihm geboten, da er sich in der vorangegangenen Zeit in der UHA reumütig zeigte. In einer Vernehmung am 17. Mai gab er an: „Nachdem ich jetzt genug Zeit zur Überlegung hatte, muß ich erkennen, daß ich meine Handlungen unter völlig falschen Gesichtspunkten durchführte und mir nicht überlegt habe, wie ich meine Eltern und den Staat enttäuscht habe und wie ich mich [sic!] hätte noch selbst schaden können. Aus diesem Grunde will ich mich anstrengen, daß ich Versäumtes möglicherweise nachhole und mich damit abfinde, daß ich in der DDR einen anderen Beruf ergreife […].“ [1]

Am 8. Juli wurde er aus der Haft entlassen und konnte noch im selben Jahr eine Lehrstelle zum Schienenfahrzeugelektriker bei der Reichsbahn antreten.

Wann genau eine Rückkehr zu Fluchtgedanken kam oder ob er sie je wirklich aufgegeben hat, ist nicht bekannt. Doch im Spätsommer 1968 reiste er an die Ostsee. Er nahm sich vom 6. zum 15. September Urlaub und meldete sich für die Zeit vom 8. zum 12. September auf einem Zeltplatz in Wieck, Kreis Ribnitz, an. Am Abend des 10. Septembers fuhr er mit einem Schlauchboot auf die Ostsee. Er trug einen selbstgefertigten Taucheranzug und hatte eine Luftmatratze, einen Taucherkompass und einige weitere Sporttauchergegenstände bei sich. Doch sein Schwimmanzug hatte ein Loch und er kehrte zum Strand zurück. Dort wurde er gegen 1:00 Uhr von Angehörigen der NVA Ahrenshoop am Strand zwischen Ahrenshoop und Esper Ort festgenommen. Einen Fluchtversuch stritt er dabei ab und gab an, nur zum Paddeln und Tauchen unterwegs gewesen zu sein. Dennoch wurde gegen ihn ein Verfahren gemäß des kürzlich eingeführten § 213 StGB eingeleitet. Am 1. Juli 1968 trat das Strafgesetzbuch der DDR in Kraft und die Erhebung des ungesetzlichen Grenzübertritts zur Straftat wurde im § 213 geregelt. Diesmal verurteilte ihn das Kreisgericht Leipzig zu einer Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten, die er bis zum 10. Dezember 1969 verbüßte. Anschließend arbeitete er bis Mai 1971 wieder auf seiner alten Stelle bei der Deutschen Reichsbahn, danach war er bis September als Elektriker bei einer Privatfirma tätig, ehe er eine Stelle beim VEB Leuna-Werke in Halle antrat.

Ende März 1971 wurde Frank Engelhardt Vater einer Tochter. Im Sommer desselben Jahres heiratete er die Kindsmutter und im Mai 1972 wurde der kleinen Familie eine Neubauwohnung in Halle-Neustadt zugesprochen. Die Ehe verlief harmonisch. Doch die damalige Stellung sollte Frank nicht zufriedenstellen. Er besuchte die Volkshochschule in Halle und erhielt am 5. Juli 1974 ein Zeugnis über den erfolgreichen Abschluss der 11. Klasse. Für den Abschluss der 12. Klasse im Jahr 1974/75 hatte er sich schon eingetragen. Er wollte nach Erlangung des Abiturs ein Studium zum Elektroingenieur aufnehmen. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.

Am 13. September 1974 ließ er sich einen Arbeitsbefreiungsschein ausstellen. Ob er tatsächlich erkrankt war, oder die Zeit als Vorlauf für sein letztes Fluchtvorhaben nutzte, ist nicht sicher. Gewiss scheint jedoch, dass seine Frau nichts ahnte, als sie am 27. September 1974 in den frühen Morgenstunden das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen. Erst nach ihr verließ Frank Engelhardt die Wohnung und fuhr mit seinem Motorrad nach Graal-Müritz an der Ostsee. Dort stellte er das Fahrzeug ab und verbarg sich in einem Waldstück in der Nähe der Dünen, wo er sich einen Nassanzug anzog und auf den richtigen Zeitpunkt wartete. Er ließ seine Motorradausrüstung, eine Kompasshülle, Gummilösung und Traubenzucker an dieser Stelle zurück und ging zum Strand. Hier wurde Engelhardt um 20:53 Uhr von einem Grenzposten in ca. 150 m Entfernung dabei beobachtet, wie er die Ostsee betrat und in die offene See schwamm. Statt ihn festzunehmen, meldete der Wachhabende lediglich den Inhalt seiner Beobachtung der 5. Grenzkompanie, welche dann Maßnahmen zur Fahndung einleitete. Das alles brauchte Zeit und Frank Engelhardt war bereits außer Sicht, als die Suche nach ihm begann. Im Zuge der Ermittlung wurde durch Fährtenhunde noch in derselben Nacht sein Lager im Wald entdeckt und man konnte mittels seines dort hinterlassenen Betriebsausweises den bis dahin unbekannten Flüchtling als Frank Engelhardt identifizieren; doch gefunden haben sie ihn nicht mehr.

Wenige Tage später, am 27. September, entdeckte ein dänischer Fischer den toten Körper eines Mannes in seinem Fangnetz und brachte ihn nach Gedser, wo dieser untersucht wurde. Bei der Leichenschau fand man eine Mappe mit dem Personalausweis des Mannes und konnte ihn als Frank Engelhardt identifizieren. Neben diesem Dokument waren noch seine Fahrerlaubnis, ein Arbeitszeugnis, sein Zeugnis über den Abschluss der 11. Klasse und sein Arbeitsbefreiungsschein vom 13. September sowie ein paar Fotos seiner Eltern und ein Bild einer seiner Schwestern enthalten. Am linken Handgelenk des Mannes war mittels eines Lederriemens ein kleiner Kompass festgebunden, die Hände waren mit weißen Gummihandschuhen bekleidet und er trug eine Schwimmflosse am rechten Fuß.

Am ersten Oktober wurde der Fund der Leiche den Behörden der DDR gemeldet und am 16. Oktober identifizierten die Ehefrau und die Eltern Frank Engelhardts anhand von Fotos den Leichnam. Der Körper wurde in einem verschlossenen Sarg in die DDR überführt. Ohne ihren Sohn noch einmal sehen zu dürfen um Abschied zu nehmen, beerdigten sie ihn am 5. November 1974 in Leipzig.

Frank hatte laut seiner Eltern schon seit frühester Kindheit an den Drang, die Welt kennenzulernen. In einem Interview gegenüber der dänischen Zeitung Berlinske Tidende berichteten sie, dass ihr Sohn schon früh den Druck des kommunistischen DDR-Regimes so stark spürte, dass er bereit war, sein Leben für seine Freiheit zu riskieren. Er habe immer davon geträumt gehabt, in Freiheit zu leben. Mehrere Jahre lang bereitete er den dritten Fluchtversuch mit intensivem Schwimm- und Tauchtraining vor. Die Familie kannte seine Sehnsucht, hatte aber keine Ahnung von den neuen Plänen. Plötzlich verschwand er und am nächsten Tag erhielten seine Eltern einen Brief, in dem er schrieb, dass er es erneut versuchen würde. „Es gab nichts, was wir tun konnten. Freiheit war das Ziel seines Lebens.”, sagte Günther Engelhardt. Seine Frau und Tochter, die er zurückließ, wurden mit dem Tag seiner Flucht bis zum Ende der DDR überwacht.

[1] BStU, MfS, BV Leipzig, ASt, Nr. B 95031, Bl. 39.


Biografie von Frank Engelhardt, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/332-frank-engelhardt/, Letzter Zugriff: 08.02.2023