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Biografisches Handbuch

Carola Jordanow

geboren am 12. Oktober 1965 | bei Fluchtversuch erstickt am 15. August 1986 | Ungarn, Grenzgebiet bei Hegyeshalom
BildunterschriftCarola Jordanow
BildquelleBStU
Quelle: BStU
Gemeinsam mit ihrer Freundin Diane K. versuchte die 20-jährige Carola Jordanow am 15. August 1986 über die ungarische Grenze nach Österreich zu flüchten. Der Fluchtversuch scheiterte, Carola Jordanow erstickte im Transportcontainer eines niederländischen Lastzuges.

Carola Jordanow hatte eine deutsche Mutter und einen bulgarischen Vater. Sie absolvierte am Institut für Pathologische Anatomie der Medizinischen Akademie Erfurt eine Lehre als Facharbeiter für Schreibtechnik. Ihre Vorgesetzten meinten, sie widme sich zu sehr ihren Freizeitinteressen wie Disko- und Tanzveranstaltungsbesuchen. Seit Anfang 1986 arbeitete sie als Schreibkraft im Versorgungskontor für Industrietextilien (VK Intex). Das Ministerium für Staatssicherheit ermittelte seit 1984 in einer “Operativen Personenkontrolle” (OPK) gegen die junge Frau, da sie im Juli 1984 ohne Genehmigung mit ihren Eltern von Bulgarien nach Jugoslawien gereist war und dort ihre ältere Schwester getroffen hatte, der am 10. August 1981 die Flucht von Bulgarien über Jugoslawien und Österreich in die Bundesrepublik gelungen war. Das MfS stellte seine geheimen Ermittlungen gegen Carola Jordanow im Mai 1986 ohne Ergebnis ein.

Den Sommerurlaub 1986 verbrachte Carola Jordanow mit ihren Eltern und ihrer Freundin Diane K.  an der rumänischen Schwarzmeerküste. Am 12. August 1986 reisten die beiden Freundinnen über den Grenzübergang Nagylak nach Ungarn ein und fuhren mit dem Zug von Szeged nach Budapest, wo sie den Rest ihres Urlaubs verbringen wollten und in einem Privatquartier unterkamen. Am Abend des 14. August besuchten sie das Cafe des Hotels „Wien“ in Budapest. Dort kamen sie mit dem westdeutschen Lastkraftwagenfahrer Norbert K. aus Lübeck ins Gespräch. Sie fragten ihn, ob er sie in seinem Lastwagen versteckt über die österreichische Grenze mitnehmen könne. Das erschien Norbert K. wegen der üblichen Grenzkontrollen seines Fahrzeugs zu riskant. Er lehnte die Fluchthilfe ab, bot aber an, die beiden jungen Frauen mit dem holländischen Fernlastfahrer Andre A. bekannt zu machen, der mit seinem Containertransporter die Grenze passieren würde. Andre A. erklärte sich bereit, die beiden in einem der drei Container seines Lastzuges zu verstecken, falls nicht doch noch kurzfristig eine Zuladung erfolgen würde.

Diese erfolgte dann aber doch am Vormittag des 15. August. Die Container erhielten für die Rückreise eine Auffüllung mit etwa 60 Grad heißem Fett. Andre A. traf am frühen Nachmittag, wie verabredet, die beiden jungen Erfurterinnen auf dem Parkplatz des Hotels „Wien“ und erklärte ihnen, er könne sie wegen der Zuladung nun doch nicht in einem Container verstecken. Carola Jordanow und ihre 19-jährige Freundin Diana K. flehten ihn an, sie doch mitzunehmen. Andre A. ließ sich erweichen und nahm die Frauen im Führerhaus des Lastkraftwagens bis etwa einen Kilometer vor die Grenzübergangsstelle Hegyeshalom mit. Dort hielt er auf einem Parkplatz an, stellte eine Leiter an den mittleren Container und öffnete dessen Deckel, ohne die Zollplombe zu beschädigen. Dann schob er die Leiter in den mit 900 Litern ca. 60 Zentimeter hoch gefüllten Container. Die beiden Freundinnen kletterten hinein und setzten sich auf die Leiter. Andre A. ließ den Containerdeckel offen und fuhr bis auf etwa 500 Meter an den Grenzübergang heran. Dann stoppte er nochmals und verschloss den Container. Kurz vor der Grenze hielt er erneut an und fragte die beiden Frauen durch die Containerwand, wie es ihnen gehe. Sie antworteten „schlecht“ und klagten über Luftmangel. Andre A. wendete daraufhin seinen Lastzug und fuhr zu einer etwa 600 Meter entfernten Tankstelle zurück. Als er dort die Containerluke öffnete, war Carola Jordanow bereits erstickt.

BildunterschriftDas Versteck im Tankwagen
BildquelleABTL V 166005
Abb. 2:

Diane K. kam in lebensbedrohlichem Zustand in ein Krankenhaus des Verwaltungsbezirks Győr. Nach ihrer Genesung lieferte sie die ungarische Staatssicherheit in die Haftanstalt Győr ein. Dort saßen bereits Andre A. und der deutsche Fernfahrer Norbert K. ein. Alle drei brachte man am 29. August 1986 in die Haftanstalt Budapest. Norbert K. durfte bald darauf in die Bundesrepublik ausreisen, Andre A. wurde in Ungarn zu einer zweieinhalbjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Leiche von Carola Jordanow blieb zur Obduktion in Győr. Sie wurde später dort eingeäschert und die Urne am 3. Oktober 1986 in die DDR überführt. Die Beisetzung Carola Jordanows fand am 14. November 1986 in Erfurt im engsten Familienkreis statt. Das Kreisgericht Erfurt-Mitte verurteile Diane K. nach ihrer Auslieferung an die DDR am 8. Dezember 1986 zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten. Durch die Bundesrepublik freigekauft, durfte sie im Mai 1987 nach Westdeutschland ausreisen.

Am 2. Mai 1989, nicht einmal drei Jahre nach Carola Jordanows Tod, durchtrennten ungarische Grenzer bei Hegyeshalom den Stacheldrahtzaun. Damit begann die Demontage des Eisernen Vorhangs.


Biografie von Carola Jordanow, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/268-carola-jordanow/, Letzter Zugriff: 08.02.2023