Logo

Suche im Biographischem Handbuch

Biografisches Handbuch

Helmut Kleinert

geboren am 14. August 1939 in Süßwinkel (heute: Kątna, Polen) | erschossen am 1. August 1963 | Ort des Vorfalls: Landstraße zwischen Sorge und Hohegeiß (Sachsen-Anhalt)
Helmut Kleinert hatte es bereits geschafft, unter den Doppelzaun hindurchzukriechen und verbarg sich, von einer Maschinengewehrsalve am Fuß verletzt, in einem Gebüsch. Zwei Angehörige der Grenztruppen versuchten seine Flucht gewaltsam zu verhindern – beobachtet von etwa 200 Harz-Kurgästen auf der westdeutschen Seite.

Der „Kleinert-Stein“ an einem Parkplatz am Ortseingang des Bergdorfes Hohegeiß ist ein Zeugnis der deutschen Teilung in der Harzregion. Die Braunlager Zeitung berichtete am 13. August 2011, dass man noch immer Besucher beobachten könne, die „vor dem Gedenkstein stehen bleiben, lesen, was auf ihm steht, und berührt den Ort verlassen“. Die Inschrift auf dem schlichten grauen Feldstein lautet: „Am 1.8.1963 wurde 150 m von hier HELMUT KLEINERT vor dem Überschreiten der Demarkationslinie erschossen.“

Zur Mittagszeit des 1. August 1963 wurden auf dem Parkplatz von Hohegeiß etwa 200 Kurgäste, die mit ihren Reisebussen einen Halt einlegten, um von hier aus die Grenzanlagen der DDR zu besichtigen, von Maschinengewehrsalven überrascht. Den Erinnerungen einer Anwohnerin nach, seien die Menschen in Aufregung geraten und zum Teil schreiend in einen der Busse geflüchtet. „Von zwei DDR-Wachtürmen wurde fortwährend geschossen und einige Kugeln flogen sogar nach Hohegeiß hinein und zerschlugen eine Fensterscheibe.“ Mehrere Grenzsoldaten seien zu sehen gewesen, „die etwas verstreut in unmittelbarer Grenznähe hin und her liefen. Ihre Gewehre hatten sie dabei im Anschlag“. Tatsächlich wurde an diesem Tag die Flucht eines Ehepaares in die Bundesrepublik gewaltsam verhindert.

Marlit und Helmut Kleinert hatten sich Anfang 1959 als Kollegen im Muldenthaler Emaillierwerk kennengelernt und am 15. August 1959 geheiratet. Ein Jahr darauf zog das junge Ehepaar nach Quedlinburg, wo Helmut Kleinert bei der Großhandelsgesellschaft für Haushaltswaren zunächst als Kraftfahrer, später dann als Lagerist Arbeit fand. Bald gebar Marlit Kleinert eine Tochter. In Quedlinburg wohnten auch die Eltern und ein Bruder von Helmut Kleinert. Zwei Schwestern und ein weiterer Bruder lebten dagegen in der Bundesrepublik. Bei einer Familienzusammenkunft Ende Juli 1963 zog Marlit Kleinert ihre im Rheinland lebende Schwägerin ins Vertrauen: Helmut und sie würden bald in den Westen flüchten. Beide Ehepartner sahen sich in einer Notlage. Helmut Kleinert hatte über seine Verhältnisse gelebt und ein neues Motorrad über illegale Verkäufe aus dem von ihm geführten Waschmaschinen- und Kühlschranklager finanziert. Nun fürchtete er die für den 1. August angesetzte Inventur. Ins Gefängnis wolle er sich nicht einsperren lassen, erklärte er seiner Frau. Von seiner Arbeit als Kraftfahrer kannte er die Gegend um Sorge, dort werde die Flucht gelingen. Marlit Kleinert erwartete ein weiteres Kind – allein wollte sie nicht zurückbleiben. Um die einjährige Tochter sollten sich zunächst die Großeltern kümmern, später würde sie im Rahmen einer Familienzusammenführung legal ausreisen dürfen, hatte Helmut Kleinert seiner Frau versichert. Ein Neuanfang in der Bundesrepublik schien verlockend, doch die Sorge blieb. Die Schwägerin war entsetzt, als sie dies hörte, und versuchte, ihren Bruder umzustimmen, doch vergeblich. Es gab für ihn kein Zurück mehr.

Seinen Eltern hatte der 23-Jährige die Fluchtpläne verschwiegen und erklärt, Marlits Mutter besuchen zu wollen. Die Familie sah dem Paar hinterher, als es am späten Nachmittag des 31. Juli 1963 auf dem Motorrad von Quedlinburg aus aufbrach. Nachdem sie Königshütte passiert hatten, betraten sie zu Fuß das Sperrgebiet. Mit einer Wanderkarte ausgerüstet versuchten sie des Nachts, einen Weg zur Grenze zu finden, doch sie verliefen sich und kamen früh morgens wieder an der Stelle an, von der aus sie aufgebrochen waren. Der zweite Versuch war erfolgreicher. Gegen 14 Uhr traten sie aus dem Wald heraus und sahen über eine Wiese hinweg schon Hohegeiß. Als sie die 400 Meter bis zu den Grenzanlagen zurücklegen wollten, bemerkte sie eine Kontrollstreife.

Marlit Kleinert ließ sich festnehmen, ihr Ehemann dagegen lief weiter. Während der Postenführer Bruno K. Frau Kleinert abführte, nahm Unteroffizier Ewald S. die Verfolgung auf. Auf Befehl von Bruno K. gab er zunächst Warnschüsse ab und verletzte durch einen weiteren Feuerstoß den Flüchtenden an der Ferse. Auch die Posten eines Beobachtungsturmes bemerkten das Fluchtgeschehen und gaben Warnschüsse ab. Der Soldat Rudolf I. wurde daraufhin von seinem Postenführer beauftragt, Helmut Kleinert zu Fuß den Fluchtweg abzuschneiden. Doch dieser war bald unter dem Sperrzaun hindurchgekrochen und versuchte, sich in einem Gebüsch zu verstecken. Laut einem Bericht der Grenztruppen schossen nun sowohl Ewald. S. als auch Rudolf I. in Richtung des Gebüsches. Da Helmut Kleinert vornübergebeugt kniete oder kroch, konnte ein Projektil so unglücklich in seinen Unterleib eindringen, dass es mehrere innere Organe und das Herz verletzte. Der Getroffene verstarb sofort.

Dies alles geschah vor den Augen von Zollbeamten und den etwa 200 Kurgästen auf der westdeutschen Seite, von denen einige lautstark und empört die DDR-Grenzsoldaten als „Mörder“ beschimpften. Von dieser Öffentlichkeit verunsichert, barg eine Gruppe von Offizieren erst zwei Stunden später, um 16.10 Uhr, die Leiche und ließ sie mit einem Sanitätsfahrzeug ins Hinterland bringen. Zu dieser Zeit wurde Marlit Kleinert bereits zum Volkspolizeikreisamt nach Wernigerode gebracht. Nachdem dort ihre Aussage aufgenommen wurde, forderte man ihren Schwiegervater auf, sie abzuholen. Da die Initiative zur Flucht von ihrem Ehemann ausgegangen war und Frau Kleinert ein Kind erwartete, sah die Polizei von einer Inhaftierung ab. Am 28. Oktober 1963 verurteilte sie das Kreisgericht Quedlinburg zu einer zehnmonatigen Gefängnisstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Trotz der Versuche, die Familie zu kriminalisieren, sorgten die Eltern Helmut Kleinerts für eine würdige Bestattung. Obwohl seine Kollegen aus der Großhandelsgesellschaft offiziell nicht an der Trauerfeier teilnehmen durften, gaben ihm etwa 100 Menschen am 8. August 1963 das letzte Geleit. 26 Kränze schmückten sein Grab. Am gleichen Tag fand auch in Hohegeiß eine Trauerfeier statt. Jugendliche hatten zuvor gegenüber dem Tatort ein mit Stacheldraht umwundenes Holzkreuz errichtet. Dort betete der Gemeindepastor gemeinsam mit Hunderten von Trauergästen das Vaterunser. Der Bürgermeister sprach den Verwandten Kleinerts sein Beileid aus und versicherte, dass dessen Name in der Gemeinde unvergessen bleiben werde. Eine kleine Gedenkstätte entstand am Kreuz, an der Besucher noch regelmäßig Blumen niederlegten. Als 1971 das Holz morsch geworden war, setzte man den heute noch vorhandenen Gedenkstein.

Am 6. September 1995 erhob die Staatsanwaltschaft Magdeburg wegen Totschlags an Helmut Kleinert Anklage gegen Ewald S., Rudolf I. und Bruno K., doch bis am 13. April 2000 ein Urteil gesprochen wurde, waren Rudolf I. und Bruno K. bereits verstorben. Ewald S. hatte bei der Hauptverhandlung ausgesagt, dass er nur Warnschüsse abgegeben habe. Weil ihm die konkrete Tat nicht nachgewiesen werden konnte, sprach ihn das Landgericht Magdeburg vom Vorwurf des Totschlags frei.


Biografie von Helmut Kleinert, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/116-helmut-kleinert/, Letzter Zugriff: 29.02.2024