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Biografisches Handbuch

Gerald Gennert

geboren am 31. Januar 1958 in Bernburg | verschollen seit dem 25. September 1980 | Ort des Vorfalls: Ostsee
Gerald Gennert und Detlef Günther lernten sich während ihres gemeinsamen Grundwehrdienstes bei der Nationalen Volksarmee kennen. Sie teilten die Absicht zum Verlassen der DDR und die Abnei-gung gegen den Staat. Vermutlich landeten die beiden Freunde am 25. September 1980 mit einem Faltboot von Göhren auf Rügen ab und planten über Schweden nach Westdeutschland einzureisen. Ihr ersehntes Ziel konnten sie nicht erreichen und ertranken vermutlich in der Ostsee. Gerald Gennerts Leichnam wurde nie gefunden.

Gerald Gennert wurde am 31. Januar 1958 in Bernburg, einer Stadt in Sachsen-Anhalt, geboren. Seine Mutter Ursula Gennert stammte ebenfalls aus Bernburg, sein Vater Karl Herbert Karika erkannte die Vaterschaft für den Knaben im Juli 1958 an. Gerald verbrachte viele Lebensjahre in Bernburg. Zwischenzeitlich besaß er eine Nebenwohnung in Ronneburg. Im August 1980 verzog er aus dem Kreis Bernburg in den Kreis Weißenfels. Sein letzter bekannter Wohnort war Bohrau in Brandenburg.

Seine Schullaufbahn schloss Gerald mit dem Abschluss der zehnten Klasse und positiven Bewertungen ab. An gesellschaftlichen Veranstaltungen nahm er jedoch nicht teil. Zwar war er Mitglied in der Freien Deutschen Jugend und Gesellschaft für Sport und Technik, zeigte dort aber keinerlei Aktivitäten. Dies setzte sich fort als er während der Lehrzeit Mitglied beim Freien Deutschen Gewerkschaftsbund wurde und auch hier eher eine inaktive Rolle einnahm.

Nach der Schulzeit arbeitete Gerald bei der „Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut BB Paitzdorf“ (Wismut AG) im Kreis Gera als Bergbautechnologe und übte die Tätigkeit eines Hauers auf. Seiner Arbeit kam er regelmäßig nach, auch sonst entsprach sein Verhalten der sozialistischen Arbeitsmoral. Während dieser Zeit war der junge Mann in einem Internat untergebracht. Aufgrund seiner Tätigkeit bei der Wismut AG trat er an seinem eigentlichen Wohnort seltener in Erscheinung. Wie bei Vernehmungen der Anwohner*innen durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bekannt wurde, besaß Gerald in dem Wohngebiet durchaus einen angesehenen und guten Ruf. Er war kein aktiver Kirchgänger. Inwieweit er Kontakte zu einzelnen Bewegungen oppositioneller Jugendkulturen in der DDR besaß, konnte durch die Zeug*innen jedoch nicht eingeschätzt werden.

Am 9. Januar 1977 wurde der junge Mann aufgrund des Tatbestandes der Körperverletzung zu einer Gelstrafe von 500 Mark verurteilt. Kurz darauf, am 3. Mai 1977, begann er seinen Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA). Mit dem Dienstgrad eines Soldaten war er als Aufklärer und Richtschütze tätig.

Da Gerald während seiner Zeit in der Armee in einer Operativen Personenkontrolle (OPK) ausgesetzt war, existieren für diese Zeit eine Vielzahl von Berichten und Beurteilungen. Ausschlaggebend für die Einleitung der OPK war, dass inoffiziell bekannt wurde, dass der junge Soldat seit Januar 1978 unter dem dritten Diensthalbjahr der Aufklärungskompanie als Initiator der sogenannten „EK-Bewegung” in Erscheinung getreten war. Ziel dieser Bewegung war, dass anstelle der Vorgesetzen die „EK“-Soldaten den Ton angeben sollte. Als „EK“ – Abkürzung für „Entlassungskandidaten“, wurden im NVA-Jargon die Soldaten bezeichnet, die ihren Grundwehrdienst leisteten oder Unteroffiziere auf Zeit waren und innerhalb des jeweils ablaufenden Diensthalbjahres ihren Dienst in den Streitkräften beenden würden. Gerald selbst bezeichnete sich als “EK-Führer” und forderte die anderen Gruppenmitglieder auf, Befehle nicht, beziehungsweise falsch, auszuführen. Durch alltägliche Äußerungen normalisierte er einen rauen Umgangston gegenüber den Offizieren, beispielsweise forderte er ihre Hinrichtung oder bezeichnete Mitglieder der SED als „rote Schweine“. Es kam auch gegenüber anderen NVA-Angehörigen zu körperlichen Ausschreitungen. Geralds „Führungsqualitäten“ schienen bei der Umsetzung seines Vorhabens Erfolge zu zeigen: Er schaffte es, die anderen Soldaten für seine Person und seine Ziele zu begeistern, die Ermittelnden sprachen sogar von beeinflussendem und manipulierendem Verhalten des jungen Mannes. So erfüllte beispielsweise die Mehrheit der Soldaten des dritten Diensthalbjahres eine durchgeführte Schulübung der MPI (Standardwaffe der mobilen Streitkräfte der NVA) nicht, da Gerald sie zur Nichtausführung des Schießbefehls veranlasst hatte. In diesem Zusammenhang wurde geprüft, ob diese Aktion den Straftatbestand der Meuterei (§§ 257, 258 StGB DDR) erfüllte. Aus all diesen Gründen rückte Gerald in das Visier der Staatssicherheit, da die Sicherheitskräfte durch ihn eine potentiell große Gefahr für eine negative politische Beeinflussung der anderen Soldaten wahrnahmen. Gerald äußerte offen, dass durch den Grundwehrdienst seine politischen Diskrepanzen gegenüber dem Staat nur noch mehr verstärkt wurden und beleidigte darüber hinaus Staatsfunktionäre. Seine ablehnende Haltung gegenüber dem Wehrdienst führte dazu, dass er militärische Aufgaben nur mangelhaft erfüllte und mehrfach Disziplinarmaßnahmen ausgesetzt wurde. So lässt sich in den Akten nachlesen, dass am 16. August 1978 noch fünf Strafen offen waren. Der Führungskader investierte viel erzieherische Arbeit in Gerald, so erfolgten beispielsweise individuelle Aussprachen, Auswertungen seines Verhaltens und Verwarnungen vor der Gruppe und die öffentliche Androhung weiterer Sanktionen.

Auch die Charakterbeschreibungen des Gerald Gennert aus seiner Armeezeit zeichnen ein eher negatives Bild von seiner Person: Er sei leicht reizbar gewesen, egoistisch und sehr aggressiv. Zudem habe er immer im Mittelpunkt stehen wollen, unter anderem auch wegen seiner außerordentlichen körperlichen Kräfte. Der junge Mann verherrlichte die Taten der Nationalsozialisten, bezeichnete sich selbst als Preußen und vertrat antisemitische Einstellungen. Er war Anhänger chauvinistischen Gedankenguts, wie beispielsweise der Annahme der Überlegenheit weißer Menschen. In den Akten sind rassistische Äußerungen von ihm gegenüber schwarzen Menschen überliefert. Mit Voranschreiten seiner Zeit bei der NVA verschärfte sich sein negatives Auftreten. So prahlte Gerald beispielsweise vor Kameraden, dass er sich während seiner bisherigen NVA-Zeit bis zum Oktober 1977 etwa siebzig Mal unerlaubt von der Gruppe entfernt hätte. Den Politunterricht bezeichnete Gerald als „Schwindelstunde“.  Durch die Ermittelnden wurde er als Träger DDR-feindlichen Gedankengutes eingeschätzt, was sich neben seinen oben genannten Aussagen beispielsweise auch durch das Hören westlicher Radiosender ausdrückte. Darüber hinaus unterhielt er Kontakte zu Angehörigen nach Westdeutschland, mit denen er sich im letzten Urlaub traf.

Berichte über einzelne Vorfälle bestätigen diese negative Charakterbeschreibung: Da er als Stubenältester andere Soldaten „auf jede nur denkbare Art und Weise“ schikanierte und zwar in so einem Ausmaß, dass er einen seiner Kameraden psychisch an den Rande des Zusammenbruchs brachte, wurde gegen Gerald  strafrechtlich nach § 267 „Angriff, Widerstand und Nötigung gegen Vorgesetzte, Wachen, Streifen oder andere Militärpersonen“ des Strafgesetzbuches der DDR  ermittelt. In mehreren Berichten wird das Bild eines Mannes gezeichnet, der andere Soldaten, die nicht seiner politischen, rechten Gesinnung entsprachen, körperlich und psychisch quälte.

Gerald erklärte mehrfach offen, dass er, wenn er in der DDR nicht studieren dürfe, in die BRD fliehen wolle. Er vertrat die Ansicht, dass das Leben in der Bundesrepublik besser sei als in der DDR und überlegte offen, auf welche Art und Weise eine Flucht möglich wäre. Dabei hoffte er auf die Unterstützung seiner Angehörigen aus Westdeutschland. Gerald rechnete nicht damit aufgrund seines Verhaltens strafrechtlich zur Konsequenz gezogen zu werden und war der festen Überzeugung, dass ihm in den letzten Tagen seines Grundwehrdienstes nichts mehr geschehen würde. Dennoch äußerte er, dass er, falls er strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden sollte, fahnenflüchtig werden wollte und schloss dabei die Anwendung von Waffengewalt nicht aus, um die Staatsgrenze der DDR überwinden zu können. In einem Gespräch mit einem inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit äußerte er sich auch über seinen Freund Detlef Günther, mit dem er im Jahr 1980 einen gemeinsamen Fluchtversuch unternehmen würde. Er offenbarte seinem Gesprächspartner die Fluchtabsichten seines Freundes, aber hielt auch seine eigenen Pläne nicht zurück: So erzählte er hier von einem weiteren Plan, nämlich die DDR über die Volksrepublik Polen verlassen zu wollen.

Doch vorerst sollte es nicht zu einer Umsetzung seiner Fluchtpläne kommen: Am 24. August 1978 wurde Gerald Gennert inhaftiert und am 23. Oktober 1978 durch den 1. Strafsenat des Militärgerichts Halle wegen Befehlsverweigerung und mehrfachen unerlaubten Entfernens von der Gruppe zu einer Freiheitsstrafe von 2,5 Jahren verurteilt. Vermutlich verschärften sich seine Fluchtabsichten während der Haftzeit.

Nicht nur Gerald wurde während seines Grundwehrdienstes bei der NVA aufgrund seines als negativ wahrgenommenen Verhaltens in einer OPK bearbeitet, auch sein Freund Detlef Günther wurde aufgrund seiner Fluchtabsichten und kritischen Einstellung gegenüber der DDR-Politik durch das MfS observiert. Die beiden Freunde lernten sich vermutlich bei der NVA kennen und führten ihren Kontakt nach dem Ende des Grundwehrdienstes fort. Der Wunsch, die DDR zu verlassen, machte sie zu Verbündeten und vermutlich schmiedeten sie schon während ihres Grundwehrdienstes einen gemeinsamen Plan, um ihre Flucht in die Tat umzusetzen zu können. Nach Annahmen der Ermittlungsbehörden planten Gerald und sein Freund Detlef von der Insel Rügen aus, die DDR über die Ostsee mit einem Faltboot Richtung Schweden zu verlassen. Vermutlich wollten sie im Anschluss über Schweden in die Bundesrepublik einzureisen. Doch wie bereiteten die beiden jungen Männer ihre Flucht vor?

Sowohl Detlef als auch Gerald galten seit dem 24. September 1980 als verschollen. An diesem Tag verabschiedete sich Gerald von seiner Mutter, indem er ihr mitteilte, dass er mit seinem Freund Detlef auf Arbeitssuche gehen würde. Eine Vermisstenanzeige für ihren Sohn erstattete Geralds Mutter jedoch erst am 3. Februar 1981. Auch Detlefs Mutter erhielt an diesem Tag das letzte Lebenszeichen von ihrem Sohn.

Bereits im Vorfeld hatte Gerald in Leipzig einen PKW „Moskwitsch“ gemietet, mit dem die beiden Freunde Bernburg verließen. Am 25. September 1980 gegen 11 Uhr kauften beide in Berlin ein Faltboot. Ein Zeuge, vermutlich ein Verkäufer aus dem Laden, berichtet, wie er den beiden Männern half, das Faltboot aufzubauen. Er schilderte, dass Detlef und Gerald beim Aufbau des Bootes zu scheitern schienen und verzweifelten. Sie hatten schon einige Teile vollkommen falsch zusammengebaut, weswegen der Zeuge gemeinsam mit ihnen die Teile des Faltbootes zurück in den Laden brachte und ordnungsgemäß zusammenbaute. Der Verkäufer fragte die beiden, wohin sie in dieser Jahreszeit mit dem Faltboot wollten, woraufhin sie antworteten, dass ihr Ziel der ungarische Balaton sei. Detlef und Gerald nannten auch Ortsnamen, die der Zeuge zwar nicht kannte, da er aber selbst in Ungarn einen Urlaub verbracht hatte, schöpfte er keinen Verdacht. Weiterhin erwähnten die beiden, dass sie noch nach Oranienburg wollten, um dort einen Freund abzuholen, der ihnen eine Bekanntschaft in Ungarn vermittelt habe und mit in den Urlaub wollte. Da sie jedoch offensichtlich keine Ahnung hatten, wie sie nach Oranienburg kommen sollten, zeigte er ihnen den Weg auf einer Karte.

Etwa gegen 13 Uhr verluden die drei Männer das Boot auf den PKW. Da das Auto keine Dachgepäckträger hatte, wurde das Boot auf Verpackungsmaterial gelegt, welches durch den Laden zur Verfügung gestellt wurde. Der Angestellte spendierte vor der Abfahrt noch eine Tasse Kaffee, da Günther und Gerald ihm beim Einräumen der Ware geholfen hatten. Der Zeuge berichtete, dass sich die beiden nicht mit Namen ansprachen. Die Gespräche hätten sich nur um den Aufbau des Bootes und den Urlaub in Ungarn gedreht. Dazu, wie das Boot bezahlt wurde, konnte er keine Angaben machen. Detlef habe erzählt, dass er Musiker sei und fuhr das Auto. Gerald verhielt sich schweigsamer und sagte im Gegensatz dazu fast nichts. Ob die beiden Freunde nach der Verabschiedung noch nach Oranienburg fuhren und was sie dort wollten, kann nicht mehr rekonstruiert werden. Anschließend fuhren sie mit dem Auto Richtung Ostsee und wurden in den Nachmittagsstunden in der Ortsmitte in Göhren in der Thiessower Straße durch einen Zeugen gesehen. Dieser erkannte im PKW zwei junge Männer, von denen einer eine Brille getragen haben soll.

Einen Tag später, am 26. September 1981, wurde gegen 18 Uhr das Fahrzeug der beiden jungen Männer in der Nähe des Bootsliegeplatzes der Fischerei-Produktions-Genossenschaft (FPG) „Mönchgut“ durch einen Fischer aufgefunden. Das Auto war so unauffällig in der Verbindungsstraße Göhren-Lobbe und der Düne in Höhe des Bootsliegeplatzes der FPG „Mönchgut unter einem Birnenbaum abgestellt, dass es weder vom Strand noch von der Verbindungsstraße aus zu sehen war. Dem Zeugen stach jedoch auffällig ins Auge, dass vorne am PKW ein Hanfseil befestigt war.

Als das Auto einen Tag später immer noch unverändert an der Stelle stand, schaute der Zeuge noch einmal in das Fahrzeug und teilte seinem Fund einem weiteren Fischer mit. Gemeinsam schauten sich die zwei Fischer das Fahrzeug noch einmal an. Kurz darauf machten die Fischer der FPG eine weitere Entdeckung: Die Reuse, welche vom Bootsliegeplatz der FPG zwischen 600 und 700 Metern in die See hinaus ausgestellt war, musste an einer Stelle durchschnitten oder zerrissen worden sein. Dies teilten sie in den Mittagsstunden des 27. September dem Abschnittsbevollmächtigten von Göhren mit, woraufhin das Auto geöffnet und entsprechende Maßnahmen eingeleitet wurden. Auch die Volkspolizei wurde verständigt.

Die im Auto hinterlassenen Gegenstände erhärteten bei den ermittelnden Behörden den Verdacht, dass es sich hier um den Versuch eines illegalen Grenzübertrittes handeln musste. So fand sich im Auto ein Zettel, mit der Aufschrift „Bin spätestens 9.00 Uhr zurück“ unterzeichnet mit „Detlef“. Neben fünf Litern Trinkwasser, hatten die Männer auch Thermosflaschen, Koffein, Westen, zwei bis drei Tuben „Ärosmit“, Kassenzettel, Garantieschein, Bestandteile und Verpackung eines Faltbootes des Typs „Pouch/RZ 85 – 3 Exquisit“, eine Autokarte der DDR und eine Touristenkarte der Inseln Rügen und Hiddensee im Gepäck. Kleidungsstücke in verschiedenen Größen konnten Gerald Gennert und Detlef Günther zugeordnet  werden. Die Ermittelnden formulierten die These, dass die beiden Flüchtlinge in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1980 die Reusen entweder durchschnitten haben, oder sie bei ihrer Überfahrt mit dem Faltboot zerrissen haben.

Die beiden Freunde konnten Schweden als ihr ersehntes Ziel nicht erreichen. Bis heute fehlt jede Spur von Gerald Gennert, sein Leichnam wurde nie gefunden. Es wird angenommen, dass er beim gemeinsamen Fluchtversuch mit Detlef Günther gestorben ist. Dessen Leiche wurde am 14. Oktober 1980 etwa zehn Meilen vor der Küste bei Kolobrzeg (Wojewodschaft Koszalin) geborgen.


Biografie von Gerald Gennert, Biografisches Handbuch "Eiserner Vorhang" https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/article/472-gerald-gennert/, Letzter Zugriff: 05.02.2023